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Eine andere Wirklichkeit

 

Wie sehen Menschen aus, wenn man sieht ?

 

 

 

Eines Tages wirst du vielleicht imstande sein, die Menschen auf eine andere Weise zu sehen, und dann wirst du erkennen, daß es unmöglich ist, irgend etwas an ihnen zu verändern.«

»Was ist diese andere Weise, die Menschen zu sehen, Don Juan?«

»Die Menschen sehen anders aus, wenn du siehst. Der kleine Rauch wird dir helfen, die Menschen als Lichtfasern zu sehen.«

»Lichtfasern?«

»Ja. Fasern, wie weiße Spinnenweben. Sehr feine Fäden, die zwischen Kopf und Nabel kreisen. Dann sieht ein Mensch aus wie ein Ei aus kreisenden Fasern. Und seine Arme und Beine sind wie leuchtende Borsten, die in alle Richtungen abstehen.«

»Sieht jeder so aus?«

»Jeder. Außerdem steht jeder Mensch mit allen anderen Dingen in Berührung, doch nicht durch seine Hände, sondern durch ein Büschel langer Fasern, die aus dem Mittelpunkt seines Leibes sprießen. Diese Fasern verbinden den Menschen mit seiner Umgebung. Sie halten ihn im Gleichgewicht. Sie geben ihm Stabilität. Daher ist der Mensch, wie du vielleicht eines Tages sehen wirst, gleich ob Bettler oder König, ein leuchtendes Ei, und es ist unmöglich, irgend etwas an ihm zu verändern; oder anders, was könnte an diesem leuchtenden Ei verändert werden? Was?«

 

 

 

Überlistung

 

»Einmal habe ich dich bereits zum Lernen überlistet, genau wie mein Wohltäter mich überlisten mußte. Sonst hättest du nicht soviel gelernt, wie du es getan hast. Vielleicht ist es an der Zeit, dich nochmals zu überlisten.«

Die List, auf die er anspielte, war einer der wichtigsten Augenblicke meiner Lehrzeit gewesen. Das lag Jahre zurück, doch in meinem Gedächtnis war es so lebendig, als sei es heute gewesen. Durch ein sehr geschicktes Manöver hatte Don Juan mich damals zu einer direkten und beängstigenden Konfrontation mit einer Frau gezwungen, die im Ruf stand, eine Zauberin zu sein. Der Zusammenstoß führte bei ihr zu einer tiefen Feindschaft.

Don Juan nützte meine Furcht vor der Frau aus, um mich zu einer Fortsetzung der Lehrzeit zu bewegen, indem er behauptete, ich müßte mehr über die Zauberei lernen, um mich gegen ihre magischen Angriffe zu schützen.

Die Ergebnisse seiner »List« waren schließlich so überzeugend, daß ich aufrichtig glaubte, es bliebe mir nichts anderes übrig, als soviel wie möglich zu lernen, wenn ich am Leben bleiben wollte. »Wenn du wieder vorhast, mich mit Hilfe dieser Frau in Panik zu versetzen, dann werde ich einfach nicht mehr wiederkommen«, sagte ich.

Don Juans Lachen klang sehr belustigt. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er beruhigend.

 

»Eine List, die an deine Furcht appelliert, wirkt bei dir nicht mehr. Du hast keine Angst mehr. Aber wenn nötig, kannst du überlistet werden, egal wo du dich befindest; dazu brauchst du nicht hierzusein.«

 

 

 

 

Verbündete eines Sehers

 

 

Er lachte, und eine Weile antwortete er nicht, schien aber nachzudenken. Schließlich sagte er: »Immer wenn du die Dinge anschaust, dann siehst du sie nicht. Du schaust sie wahrscheinlich nur an, um dich zu überzeugen, daß etwas da ist. Da du nicht zu sehen versuchst, schauen die Dinge, jedesmal wenn du sie betrachtest, ganz ähnlich aus. Wenn du, andererseits, sehen lernst, dann ist ein Ding, sobald du es siehst, nicht mehr dasselbe, und dennoch ist es dasselbe. Zum Beispiel habe ich dir erzählt, daß ein Mensch wie ein Ei aussieht. Jedesmal wenn ich denselben Menschen sehe, dann sehe ich ein Ei, und doch ist es nicht dasselbe Ei.«

»Aber du erkennst nichts wieder, da nichts gleich ist. Was ist also der Vorteil, wenn man sehen lernt?«

»Du kannst die Dinge unterscheiden. Du kannst sie so sehen, wie sie wirklich sind.«

»Sehe ich denn die Dinge nicht so, wie sie wirklich sind?« »Nein, deine Augen haben nur schauen gelernt. Denk zum Beispiel an jene drei Leute, denen du begegnet bist, die drei Mexikaner. Du hast sie in allen Einzelheiten beschrieben und mir sogar erzählt, wie sie gekleidet waren. Aber das bewies mir nur, daß du sie keineswegs gesehen hast. Könntest du sehen, dann hättest du sofort gewußt, daß es keine Menschen waren.«

»Sıe waren keine Menschen? Was waren sie dann?«

»Sie waren keine Menschen, das ist alles.«

»Aber das ist unmöglich. Sie waren genau wie du und ich.« »Nein, das waren sie nicht. Ich bin sicher.«

 

 

 

 

 

 

Der Verbündete

 

 

 

»Der Verbündete ist nicht im Rauch, sagte er. »Der Rauch führt dich zum Verbündeten, und wenn du mit dem Verbündeten eins wirst, dann brauchst du nie wieder zu rauchen. Von da an kannst du deinen Verbündeten jederzeit anrufen und ihn dazu bringen, alles zu tun, was du willst.

Die Verbündeten sind weder gut noch böse, aber sie werden von den Zauberern zu den Zwecken eingesetzt, für die sie ihnen geeignet erscheinen. Ich bevorzuge den kleinen Rauch als Verbündeten, weil er nicht viel von mir verlangt. Er ist zuverlässig und ehrlich.«

„Wie sieht ein Verbündeter für dich aus, Don Juan? Zum Beispiel jene drei Leute, die ich gesehen habe und die für mich

wie normale Leute aussahen. Wie würdest du sie sehen?« „Sie würden wie normale Leute aussehen.«

„Wie kannst du sie von wirklichen Menschen unterscheiden.«

»Wirkliche Menschen sehen, wenn du sie siehst, wie leuchtende Eier aus. Nichtmenschliche Wesen sehen immer wie Menschen aus. Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, daß man einen Verbündeten nicht sehen kann. Die Verbündeten treten in verschiedenen Erscheinungen auf. Sie sehen wie Hunde, Coyoten, Vögel, sogar wie Steppenläufer aus — wie du willst. Der einzige Unterschied besteht darin, daß sie, wenn du sie siehst, immer noch als das erscheinen, was sie zu sein vorgeben. Alles existiert auf seine eigene Weise, wenn du siehst. So wie Menschen wie Eier aussehen, können andere Dinge wie etwas anderes aussehen. Aber die Verbündeten sieht man nur in der Form, in der sie auftreten. Diese Form ist überzeugend genug, um die Augen zu täuschen; das heißt, unsere Augen. Ein Hund läßt sich nie zum Narren halten, auch nicht eine Krähe.«

»Warum sollten sie uns zum Narren halten?«

»Ich glaube, die Clowns sind wir. Wir halten uns selbst zum Narren. Die Verbündeten nehmen nur eine beliebige äußere Erscheinung an, und dann sehen wir sie als das, was sie in Wirklichkeit gar nicht sind. Es ist nicht ihre Schuld, wenn wir unsere Augen darin geübt haben, die Dinge nur anzuschauen.« 

 

 

 

 

 

 

 

Nicht alle sind Menschen

»Glaubst du, daß manche Menschen, die ich auf der Straße sehe, gar keine wirklichen Menschen sind?« fragte ich, durch seine Aussage einigermaßen verblüfft.

»Manche sind es nicht«, sagte er mit Bestimmtheit.

Was er sagte, erschien mir absurd, und dennoch konnte ich mir nicht ernstlich vorstellen, daß Don Juan so etwas nur zum Spaß behauptete. Ich sagte ihm, daß sich das für mich anhöre wie eine Science-fiction-Erzählung über Wesen von einem anderen Planeten. Er sagte, es sei ihm egal, wie es sich für mich anhöre; trotzdem seien manche Menschen auf der Straße keine Menschen.

»Warum mußt du unbedingt glauben, daß jeder, der dir begegnet, ein menschliches Wesen ist?« fragte er mit völlig ernstem Gesicht.

Ich konnte tatsächlich nicht erklären, warum — außer daß ich gewöhnt war, dies meinerseits in einem Akt bloßen Glaubens anzunehmen.

Er sprach weiter und erzählte, wie gern er sich im Menschengetümmel aufhielt, um die Leute zu beobachten, und daß er manchmal lauter Menschen sah, die wie Eier aussahen, und dann plötzlich unter der Masse eiförmiger Wesen einen entdeckte, der aussah wie ein Mensch.

 

 

 

 

 

 

Kontrolierte Torheit

»Ich wüßte gern, ob du mir etwas mehr über deine kontrollierte Torheit erzählen willst«, sagte ich.

»Was möchtest du wissen?«

»Bitte, Don Juan, sag mir, was genau ist kontrollierte Torheit?«

Don Juan lachte laut auf und schlug sich mit der hohlen Hand geräuschvoll auf den Schenkel.

»Das hier ist kontrollierte Torheit«, lachte er und schlug sich noch einmal auf den Schenkel. »Was willst du damit sagen... .?«

»Ich freue mich, daß du mich nach so vielen Jahren endlich nach meiner kontrollierten Torheit fragst, und trotzdem wäre es mir letzten Endes egal gewesen, wenn du mich nie danach gefragt hättest. Und doch habe ich beschlossen, mich darüber zu freuen, als würde mir daran liegen, daß du mich fragst, als würde es eine Rolle spielen, daß mir daran liegt. Das ist kontrollierte Torheit!«

Wir lachten herzhaft. Ich umarmte ihn. Ich fand seine Erklärung hinreißend, obwohl ich sie nicht ganz verstand.

 

Wenn ein Mann sehen lernt

»Wir lernen, über alles nachzudenken, und dann üben wir unsere Augen darin, die Dinge so zu sehen, wie wir über sie denken. Wir schauen uns an und sind im voraus überzeugt, daß wir wichtig sind. Darum müssen wir uns wichtig vorkommen! Aber wenn ein Mann sehen lernt, erkennt er, daß er nicht länger über die Dinge nachdenken kann, die er anschaut, und wenn er erkennt, daß er über das, was er sieht, nicht mehr nachdenken kann, dann wird alles unwichtig.«

Don Juan mußte meinen erstaunten Blick bemerkt haben und wiederholte seine Feststellung dreimal, als wolle er mir helfen, sie zu verstehen. Was er sagte, war für mich anfangs ungereimtes Zeug, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr erschienen mir seine Worte als eine tiefsinnige Bemerkung über einen bestimmten Aspekt der Wahrnehmung.

 

 

 

 

 

 

 

Sehende haben auch Humor

 

 

 

»Zum Beispiel müssen wir mit unseren Augen schauen, damit wir lachen könnene, sagte er. »Denn nur wenn wir die Dinge anschauen, können wir die komische Seite der Welt erfassen. Andererseits, wenn unsere Augen sehen, dann gleicht sich alles so sehr, daß nichts mehr komisch ist.«

»Willst du damit sagen, Don Juan, daß ein Sehender nicht mehr lachen kann?«

Er schwieg eine Weile. »Vielleicht gibt es Wissende, die niemals lachen«, sagte er, »aber ich kenne keinen. Alle, die ich kenne, sehen nicht nur, sondern sie schauen auch, darum können sie auch lachen.«

»Kann ein Wissender auch weinen?«

»Ich glaube ja. Unsere Augen schauen, damit wir lachen oder weinen oder uns freuen oder traurig oder lustig sein können. Ich selbst bin nicht gern traurig, darum verändere ich meine Augen, sobald ich etwas beobachte, das mich normalerweise traurig machen würde, und sehe es, statt es anzuschauen. Aber wenn mir etwas Komisches begegnet, dann schaue ich und lache.«

 

 

 

 

 

 

Ein Bündel langer Fasern unterhalb des Nabels

 

 

 

Er habe mir auch schon einmal gesagt, fuhr er fort, daß der erstaunlichste Teil der eiförmigen Lebewesen ein Bündel langer Fasern sei, die aus einer Stelle neben dem Nabel herauskommen. Don Juan sagte, daß diese Fasern für das Leben eines Menschen von größter Wichtigkeit seien. Diese Fasern waren das Geheimnis von Don Genaros Balance, und seine Lektion hatte nichts mit akrobatischen Sprüngen über den Wasserfall zu tun. Sein Gleichgewichtsakt entsprach der Art, wie er diese tentakelartigen Fasern einsetzte.

 

 

24. Oktober 1968

Ich bedrängte Don Juan und sagte ihm, ich wüßte intuitiv, daß ich nie wieder eine Lektion über das Gleichgewicht erhalten würde und daß er mir alle sachdienlichen Einzelheiten erklären solle, die ich sonst niemals selbst entdecken würde. Don Juan sagte, daß ich insofern recht hatte, als daß Don Genaro mir nie wieder eine Lektion geben würde.

»Was willst du noch wissen?« fragte er. 

»Was sind diese tentakelartigen Fasern, Don Juan?«

»Es sind die Tentakeln, die aus dem Körper eines Menschen kommen und die für jeden Zauberer, der sieht, sichtbar sind. Zauberer beurteilen Menschen je nach dem, wie sie deren Tentakeln sehen. Schwache Menschen haben sehr kurze, beinah unsichtbare Fasern; starke Menschen haben strahlende, lange. Genaros Fasern zum Beispiel sind so strahlend hell wie dick. An den Fasern kann man erkennen, ob ein Mensch gesund oder krank, böse, freundlich oder betrügerisch ist. An den Fasern erkennt man auch, ob ein Mensch sehen kann.

 

 

 

 

 

Der Wächter

 

 

 

Morgens war ich wieder ich selbst. Gespannt fragte ich Don Juan: »Was ist mit mir geschehen?«

Don Juan lachte trocken. »Du suchtest den Wächter, und natürlich bist du ihm auch begegnet.«

»Aber was war das, Don Juan?«

»Der Wächter, der Wärter, der Bewacher der anderen Welt«, sagte Don Juan sachlich.

Ich hatte vor, ihm dieses unheimliche und häßliche Tier in allen Einzelheiten zu schildern, aber er ließ mich nicht zu Wort kommen und sagte, mein Erlebnis sei nichts Besonderes, jeder brächte so etwas fertig.

Ich sagte ihm, daß der Wächter so ein Schock für mich gewesen sei, daß ich noch gar nicht dazugekommen war, darüber nachzudenken,

Don Juan lachte und machte sich lustig über das, was er meinen Hang zur Übertreibung nannte.

 

 

 

 

 

 

 

Die Haltung um dem Wächter zu begegnen

 

 

 

 

Don Juan füllte die Pfeife einmal, und als ich den Inhalt aufgeraucht hatte, reinigte er sie und legte sie weg.

Die Wirkung war merklich langsamer; als ich mich ein wenig schwindlig zu fühlen begann, kam Don Juan zu mir, hielt meinen Kopf in seinen Händen und half mir, mich auf die linke Seite zu legen. Er sagte, ich solle die Beine ausstrecken und mich entspannen, und dann half er mir, meinen rechten Arm in Brusthöhe vor meinen Körper zu legen. Er drehte meine Hand, so daß sie mit der Handfläche auf der Matte auflag und mein Gewicht abstützte. Ich tat nichts, um ihm zu helfen oder ihn zu hindern, denn ich wußte nicht, was er tat.

Er saß vor mir und sagte, ich solle mir keinerlei Sorgen machen. Er sagte, der Wächter würde kommen, und ich hätte einen Logenplatz, um ihn zu sehen. Er sagte mir auch in beiläufigem Ton, daß der Wärter einem große Schmerzen zufügen konnte, daß es aber eine Möglichkeit gab, dies abzuwenden. Er sagte, daß er mich vor zwei Tagen hatte aufrecht sitzen lassen, als er glaubte, es sei genug. Er deutete auf meinen rechten Arm und sagte, er hätte ihn absichtlich in diese Stellung gebracht, damit ich ihn als Hebel benutzen könnte, um mich abzustoßen, sobald ich wollte.

Nachdem er mir all dies gesagt hatte, war mein Körper ganz taub. Ich wollte ihn darauf aufmerksam machen, daß es mir unmöglich sein würde, mich abzustoßen, da ich die Kontrolle über meine Muskeln verloren hatte. Ich versuchte, die Wörter auszusprechen, aber ich konnte es nicht. Er schien jedoch erraten zu haben, was ich sagen wollte, und erklärte mir, daß es dafür einen Trick gebe, der vom Willen abhängig sei. Er forderte mich auf, mich daran zu erinnern, wie ich vor Jahren zum erstenmal die Pilze geraucht hatte. Damals war ich zu Boden gestürzt und war — wie er es damals nannte — durch einen »Akt meines Willens« wieder auf die Beine gekommen. Ich hatte mir in Gedanken den Befehl gegeben, aufzustehen. Er sagte, dies sei die einzig mögliche Art aufzustehen.

 

 

 

 

 

Das Versprechen

 

 

 

 

Ich fühlte mich gut und stark bis zu dem Augenblick, als der Anblick des weinenden kleinen knopfnasigen Jungen meine Siege zunichte machte. In diesem Augenblick gab ich meinen Kampf auf. Ich faßte den Entschluß, daß ich, soweit es von mir abhing, nie wieder siegen wollte. Ich glaubte, daß ihm der Arm abgenommen werden müßte, und ich gelobte, daß ich nie wieder siegen wollte, wenn nur der kleine Junge geheilt würde, Ich gab meine Siege für ihn hin. Damals jedenfalls verstand ich es so.

Don Juan hatte eine eiternde Wunde meines Lebens geöffnet, Mir war schwindlig, und ich war überwältigt. Ich versank in einer Woge hemmungsloser Trauer und überließ mich ihr. Ich litt unter dem Gewicht meiner Taten. Die Erinnerung an diesen kleinen knopfnasigen Jungen, sein Name war Joaquin, bereitete mir so heftige Qualen, daß ich weinte. Ich erzählte Don Juan, wie sehr mir dieser Junge leid tat, der niemals etwas besessen hatte, dieser kleine Joaquin, der kein Geld hatte, um zum Arzt zu gehen, und dessen Arm nie wieder richtig anwachsen würde. Und alles, was ich ihm geben konnte, waren meine kindlichen Siege. Ich schämte mich so sehr.

»Sei jetzt ruhig, du komischer Vogel«, sagte Don Juan gebieterisch. »Du hast genug gegeben. Deine Siege waren stark, und sie gehörten dir. Du hast genug gegeben. Jetzt mußt du dein Versprechen ändern.«

»Wie kann ich es ändern? Genügt es, das einfach so zu sagen?«

»Ein Versprechen wie dieses kann nicht einfach dadurch geändert werden, daß man es nur so sagt. Vielleicht wirst du sehr bald wissen, was du tun kannst, um es zu ändern. Dann wirst du vielleicht auch sehen lernen.«

»Kannst du mir nicht einen Vorschlag machen, Don Juan?« »Du mußt geduldig warten und wissen, daß du wartest, und wissen, worauf du wartest. Das ist die Art des Kriegers. Und wenn es darum geht, dein Versprechen zu erfüllen, dann mußt du dir bewußt sein, daß du es erfüllst. Dann wird die Zeit kommen, wo dein Warten vorbei ist und du dein Versprechen nicht mehr erfüllen mußt. Es gibt nichts, was du für das Leben dieses kleinen Jungen tun könntest. Nur er kann die Tat ungeschehen machen.«

 

 

 

 

 

 

Das Bewusstsein des Todes

 

 

 

Ein Mann, der dem Weg der Zauberei folgt, ist bei jedem Schritt mit seiner drohenden Vernichtung konfrontiert, und so wird er sich unausweichlich seines Todes deutlich bewußt. Ohne das Bewußtsein des Todes wäre er nur ein normaler Mensch, der sich mit normalen Taten abgibt. Es würde ihm die notwendige Potenz, die notwendige Konzentration fehlen, die unsere alltägliche Zeit auf Erden in magische Macht verwandelt.

Darum muß ein Mann, um ein Krieger zu sein, in erster Linie mit seinem Tod vertraut sein. Und das zu Recht. Die Furcht vor dem Tod zwingt jeden von uns, sich auf unser Selbst zu konzentrieren, und das schwächt uns. Das nächste, was ein Krieger braucht, ist daher das Losgelöstsein. Der Gedanke an den bevorstehenden Tod verliert dann alles Beängstigende und wird etwas Gleichgültiges.«

 

 

 

 

 

 

Endlosigkeit der neuen Welt

 

 

 

»Der bloße Gedanke, von allem, was ich weiß, losgelöst zu sein, läßt mich schaudern«, sagte ich.

»Das kann nicht dein Ernst sein! Nicht der Gedanke an das, was dir bevorsteht, sondern die Vorstellung, daß du ein Leben lang das tun mußt, was du immer getan hast, sollte dich schaudern lassen. Denk an den Mann, der Jahr für Jahr Korn sät, bis er zu alt und zu schwach ist, um aufzustehen, und dann herumliegt wıe ein alter Hund. Seine Gedanken und Gefühle, das beste in ihm, kreisen ziellos um das einzige, was er immer getan hat, das Kornsäen. Für mich ist das die furchtbarste Verschwendung, die es gibt. Wir sind Menschen, und es ist unser Schicksal, zu lernen und uns in die unvorstellbaren neuen Welten schleudern zu lassen.«

»Gibt es wirklich neue Welten für uns?« fragte ich halb im Scherz.

»Wir haben noch nichts ausgeschöpft, du Narr«, sagte er gebieterisch.

»Sehen ist etwas für makellose Menschen. Mäßige deinen Geist, werde ein Krieger, lerne sehen, und dann wirst du die Endlosigkeit der neuen Welten unserer Vision erkennen.«

 

 

 

 

 

 

 

Wasserloch - Haltung

 

 

 

»Setz dich mitten in das Wasserloch!« befahl er.
Ich gehorchte und setzte mich hin.

»Wirst du dich auch hierhersetzen?« fragte ich.

Ich sah, wie er sich etwa zwanzig Meter von der Mitte des Wasserlochs entfernt, neben den Felsen am Fuß des Berges, eine Stelle zum Sitzen suchte. Von dort, sagte er, würde er mich beobachten. Ich saß und hatte die Knie an die Brust hochgezogen. Er korrigierte meine Haltung und befahl mir, das linke Bein unter dem Gesäß einzuschlagen und mein rechtes Bein anzuwinkeln, so daß das Knie hoch lag. Mit der rechten Faust sollte ich mich neben mir auf den Boden stützen und den linken Arm über der Brust anwınkeln. Er sagte, ich solle ihn anschauen und in dieser Haltung bleiben, entspannt, aber nicht lässig. Dann nahm er eine weiße Schnur aus seinem Beutel. Sie sah aus wie eine große Schlinge. Er legte sie um den Hals und streckte sie mit der linken Hand, bis sie straff gespannt war. Dann zupfte er die straffe Saite mit der rechten Hand. Sie machte ein dumpf vibrierendes Geräusch.

Er lockerte den Griff, sah mich an und sagte, ich sollte in einen bestimmten Schrei ausbrechen, wenn ich spürte, daß irgend etwas über mich käme, während er die Saite zupfte.

 

 

 

 

 

 

 

Geisterfänger

 

»Dieser Geist darf nur beschworen werden, wenn das Wasserloch trocken ist, wenn der Geist sich in die Berge zurückgezogen hat. Gestern haben wir ihn sozusagen aus dem Schlaf geweckt. Aber er nahm es nicht übel und deutete in deine Glücksrichtung. Seine Stimme kam aus dieser Richtung.« Don Juan deutete nach Südosten.

»Was war das für eine Saite, auf der du gespielt hast, Don Juan

 

»Ein Geisterfänger.«

»Kann ich ihn mal sehen?«

„Nein. Ich werde dir einen machen. Oder noch besser, du wirst dir eines Tages selbst einen machen, wenn du sehen gelernt hast.«

»Woraus ist er gemacht, Don Juan?«

»Meiner ist ein Wildschwein. Wenn du einen eigenen hast, dann wirst du erkennen, daß er lebt und dich die verschiedenen Geräusche, die er liebt, lehren kann. Mit einiger Übung wirst du den Geisterfänger so gut kennenlernen, daß ihr zusammen machtvolle Geräusche erzeugen könnt.«

»Warum hast du mich mitgenommen, den Geist des Wasserloches zu suchen, Don Juan?«

„Das wirst du recht bald wissen.«

 

 

 

 

 

 

 

 

Sehen ist nich Zauberei

 

 

 

Er meinte, es gebe keinen Grund, warum das nicht so sein sollte, denn das Sehen habe nichts mit den Manipulationstechniken der Zauberei zu tun, sie dienten nur dazu, auf unsere Mitmenschen einzuwirken. Die Techniken des Sehens andererseits hätten keine Auswirkungen auf Menschen.

Meine Gedanken waren sehr klar. Ich war weder müde noch schläfrig und hatte auch kein unangenehmes Gefühl mehr im Magen, während ich neben Don Juan herging. Ich war furchtbar hungrig, und als wir zu seinem Haus kamen, stürzte ich mich auf das Essen. Anschließend bat ich ihn, mir mehr über die Techniken des Sehens zu sagen. Er lächelte mich breit an und sagte, ich sei schon wieder der alte.

»Wie kommt es«, fragte ich, »daß die Techniken des Sehens keine Auswirkungen auf unsere Mitmenschen haben?«

»Ich habe es dir schon einmal gesagt«, meinte er » Sehen ist nicht Zauberei. Und doch kann man sie leicht verwechseln, denn ein Sehender kann jederzeit lernen, einen Verbündeten zu manipulieren, und kann ein Zauberer werden. Andererseits kann ein Mensch durchaus bestimmte Techniken lernen, um einen Verbündeten zu kommandieren, und dadurch ein Zauberer werden, und doch niemals sehen lernen.

Außerdem ist sehen das Gegenteil von Zauberei. Sehen läßt einen die Unwichtigkeit aller Dinge erkennen.«

»Die Unwichtigkeit von was, Don Juan?«

»Die Unwichtigkeit aller Dinge.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Wächter

 

 

 

»Nein, du verstehst immer noch nicht. Es ist gleich, ob du Ihn magst oder verabscheust. Solange du ihm gegenüber ein Gefühl zeigst, wird der Wächter sich gleich bleiben - monströs, schön oder was immer. Wenn du ihm gegenüber jedoch nichts empfindest, dann wird der Wächter zu Nichts werden und trotzdem vor dir da sein.«

Der Gedanke, daß etwas so Gewaltiges wie der Wächter zu Nichts werden und trotzdem vor meinen Augen bleiben konnte, war mir absolut unverständlich. Ich glaubte, dies sei wieder eine der unlogischen Voraussetzungen von Don Juans Wissen. Aber ich glaubte auch, daß er es mir erklären konnte, wenn er nur wollte. Daher ließ ich nicht davon ab, ihn zu fragen, was er damit meinte.

»Du dachtest, der Wächter sei etwas, das du kennst. Das ist's, was ich meine.« » Aber ich habe nicht geglaubt, daß er etwas Bekanntes war.«

 

»Du glaubtest, er sei häßlich, gigantisch, ein Monstrum. Du weißt, was all diese Wörter bedeuten. Darum war der Wärter immer etwas, das du kanntest, und solange er etwas war, das du kanntest, konntest du ihn nicht sehen. Ich habe dir schon gesagt, daß der Wärter zu Nichts werden und dennoch vor deinen Augen bleiben muß. Er muß da sein — und gleichzeitig muß er Nichts sein.« |

»Wie kann das sein, Don Juan? Was du sagst, klingt absurd.«

»Das ist es, aber das ist das Sehen. Es ist wirklich unmöglich, darüber zu sprechen. Sehen lernt man, wie ich schon sagte, indem man sieht.

 

 

 

 

 

 

 

 

Nebel und Blasen

 

 

 

Das einzige, was ich noch wahrnahm, war ein grünes, amorphes, nebuloses Glühen. Wieder hörte ich das laute Geräusch, die Erregung, die es verursachte, ließ den Nebel sofort verschwinden, und ich merkte, daß ich in das Wasser im Graben starrte. Dann hörte ich es, diesmal viel näher. Es war Don Juans Stimme. Er sagte mir, ich solle gut aufpassen, denn seine Stimme sei mein einziger Führer. Er befahl mir, das Bachufer und die Vegetation direkt vor mir anzuschauen. Ich sah ein paar Schilfrohre und eine Stelle, die frei von Schilf war, Es war eine kleine Einbuchtung im Ufer, eine Stelle, an der Don Juan stand, wenn er seinen Eimer eintauchte, um Wasser zu schöpfen. Kurz darauf befahl Don Juan mir wieder, in den Nebel zurückzukehren und bat mich noch einmal, auf seine Stimme zu achten, denn er wollte mich führen, damit ich lernen konnte mich fortzubewegen. Er sagte, sobald ich die Blasen sähe, sollte ich eine davon besteigen und mich von ihr davontragen lassen. Ich gehorchte und war sofort von grünem Dunst umgeben, und dann sah ich die kleinen Blasen. Wieder hörte ich Don Juans Stimme als ein seltsames und beängstigendes Raunen. Sofort als ich sie hörte, verlor ich die Fähigkeit, die Blasen wahrzunehmen.

»Steig auf diese Blasen«, hörte ich ihn sagen.

Ich mühte mich, gleichzeitig die grünen Blasen zu sehen und seine Stimme zu hören. Ich weiß nicht, wie lange ich mich abkämpfte, bis ich plötzlich merkte, daß ich ihm zuhören und zugleich die Blasen im Auge behalten konnte, die vorüberzogen und langsam aus meinem Blickfeld schwebten. Don Juans Stimme bedrängte mich beharrlich, einer von ihnen zu folgen und sie zu besteigen.

Ich fragte mich, wie ich dies tun sollte, und sagte automatisch: »Wie?« Ich spürte das Wort sehr tief in mir drinnen, und als es herauskam, trug es mich an die Oberfläche. Das Wort war wie eine Boje, die aus meinem tiefsten Innern emporstieg. Ich hörte mich »Wie?« sagen, und es klang wie das Geheul eines Hundes. Don Juan heulte ebenfalls wie ein Hund, und dann ahmte er die Stimme eines Coyoten nach und lachte. Ich fand das sehr lustig und lachte auch.

Don Juan befahl mir mit ruhiger Stimme, mich an eine der Blasen zu hängen, indem ich ihr folgte.

»Geh wieder zurück, geh in den Nebel!« sagte er. »In den Nebel!« Ich ging wieder hinein und stellte fest, daß die Bewegung der Blasen langsamer geworden war, und daß sie inzwischen groß wie Korbbälle waren. Tatsächlich waren sie so groß und langsam, daß ich jede in allen Einzelheiten untersuchen konnte. Es waren keine richtigen Blasen, nicht wie Seifenblasen, auch nicht wie ein Ballon oder ein anderer dreidimensionaler Behälter. Sie hatten keine Hülle, und trotzdem hatten sie einen Inhalt. Auch waren sie nicht rund, obgleich ich anfangs, als ich sie sah, geschworen hätte, daß sie rund waren, und das Bild, das mir in den Sinn kam, war »Blasen«. Ich betrachtete sie, als schaute ich durch ein Fenster. Das heißt, der Fensterrahmen erlaubte mir nicht, ihnen zu folgen, sondern gab mir nur die Möglichkeit, zu beobachten,wie sie in mein Gesichtfeld gerieten und wieder verschwanden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist Zauberei ?

 

 

 

»Was ist Zauberei, Don Juan?«

Er warf mir einen langen Blick zu und schüttelte fast unmerklich den Kopf. »Zauberei ist die Einwirkung des Willens auf einen Schlüsselpunkt. Zauberei ist Beeinflussung. Ein Zauberer sucht und findet den Schlüsselpunkt von allem, was er beeinflussen will, und dann wirkt er mit seinem Willen darauf ein. Ein Zauberer muß nicht sehen, um ein Zauberer zu sein, alles was er können muß, ist, seinen Willen einsetzen.«

Ich bat ihn, mir zu erklären, was er unter einem Schlüsselpunkt verstand. Er dachte kurz nach und sagte dann, er wisse, was mein Auto sei.

»Zweifellos ist es eine Maschine«, sagte ich.

»Ich meine, dein Auto, das sind die Zündkerzen. Das ist für mich der Schlüsselpunkt. Ich kann meinen Willen darauf ansetzen, und dann wird dein Auto nicht funktionieren.«

 

 

 

 

 

 

 

Federstellung um schnell aufzustehen

 

 

 

Wir befanden uns in einem flachen, ziemlich breiten Canyon. Don Juan gab mir ausführliche Anweisungen, wie ich mich im Gebüsch verbergen sollte und zeigte mir, wie ich »Wache« sitzen sollte, wie er es nannte. Er befahl mir, das rechte Bein unter dem linken Schenkel einzuschlagen und das linke Bein in hockender Stellung zu halten. Er sagte, das untergeschlagene Bein diene als Feder, um nötigenfalls sehr schnell aufstehen zu können. Dann sagte er mir, ich solle mich nach Westen wenden, denn in dieser Richtung lag das Haus der Frau. Er setzte sich rechts neben mich und flüsterte mir zu, ich solle die Augen auf den Boden richten und darauf warten, daß ein Windstoß die Büsche kräuselt. Sobald sich die Büsche, auf die ich den Blick gerichtet hatte, kräuseln würden, sollte ich aufschauen und würde die Zauberin in all ihrer »wunderbaren bösen Pracht« sehen.

 

 

 

 

 

 

 

Sich Gehenlassen

 

 

 

Ich habe dich immer wieder sagen hören, daß du jederzeit darauf vorbereitet bist, zu sterben. Dieses Gefühl finde ich unnötig. Ich glaube, es ist ein nutzloses Sichgehenlassen. Ein Krieger sollte nur auf den Kampf, auf die Schlacht vorbereitet sein. Ich habe dich auch sagen hören, daß deine Eltern deinen Geist verletzten. Ich glaube, der Geist eines Menschen ist sehr leicht zu verletzen, wenn auch nicht durch die Handlungen, die du für verletzend hältst. Ich glaube, daß deine Eltern dich verletzten, indem sie dir die Neigung zum Sichgehenlassen, zur Sanftmut und zum Nachdenken gaben.

Der Geist eines Kriegers ist nicht darauf eingestellt, sich gehenzulassen und zu klagen, noch geht er auf Sieg oder Niederlage aus. Der Geist eines Kriegers ist nur auf den Kampf eingestellt, und jeder Kampf ist die letzte Schlacht des Kriegers auf Erden. Daher bedeutet ihm das Ergebnis sehr wenig. In seiner letzten Schlacht auf Erden läßt ein Krieger seinen Geist frei und klar schweben. Und wenn er, wissend, daß sein Wille makellos ist, seine Schlacht schlägt, dann lacht und lacht der Krieger.«

Ich hörte auf zu schreiben und blickte auf. Don Juan starrte mich an. Er schüttelte den Kopf und lächelte.

»Schreibst du wirklich alles auf?« fragte er, : ungläubig lächelnd. »Genaro sagt, daß er nie ernsthaft mit dir sprechen kann, weil du immer schreibst. Er hat recht. Wie kann man ernsthaft mit dir sprechen, wenn du immer schreibst?«

Er kicherte, und ich versuchte meinen Standpunkt zu verteidigen.

»Es macht nichts«, sagte er, »wenn du jemals sehen lernst, dann mußt du es auf deine eigene komische Art lernen.«

 

 

 

 

 

 

Wie schützt ein Seher (Krieger) sein Leben ?

 

 

 

Ein Krieger hat die Verantwortung, sein Leben zu schützen. Wenn also eine jener Kräfte dich anrührt und deine Öffnung öffnet, dann mußt du dich bewußt anstrengen, sie selbst zu schließen. Zu diesem Zweck mußt du eine Anzahl ausgewählter Dinge haben, die dir viel Frieden und Freude geben, Dinge, die du bewußt einsetzen kannst, um deine Gedanken von der Furcht abzulenken, um deine Öffnung zu schließen und dich stark zu machen.«

»Welche Dinge sind das?«

»Vor Jahren habe ich dir mal gesagt, daß ein Krieger in seinem täglichen Leben sich stets entschließt, den Weg mit Herz zu gehen. Diese ständige Entscheidung, dem Weg mit Herz zu folgen ist es, was den Krieger vom Durchschnittsmenschen unterscheidet. Er weiß, daß er sich auf dem Weg mit Herz befindet, wenn er eins mit ihm ist, wenn er auf seinem Weg Frieden und Freude findet. Die Dinge, die ein Krieger zu seinen Schilden wählt, sind die Dinge eines Weges mit Herz.«

»Aber du sagtest, ich bin kein Krieger, wie kann ich also einen Weg mit Herz wählen?«

»Du stehst unmittelbar an deinem Wendepunkt. Ich möchte sagen, bisher hattest du es nicht wirklich nötig, wie ein Krieger zu leben. Das ist nun anders; jetzt mußt du dich mit den Dingen eines Weges mit Herz umgeben, und du mußt den Rest abtun, sonst wirst du bei der nächsten Begegnung zugrunde gehen. Laß mich noch hinzufügen, daß du jetzt nicht mehr um die Begegnung zu bitten brauchst. Ein Verbündeter kann dich im Schlaf überraschen; während du mit Freunden sprichst; während du schreibst.«

»Seit Jahren versuche ich aufrichtig, deinen Lehren entsprechend zu leben«, sagte ich. »Offenbar ist es mir nicht gelungen. Wie kann ich es jetzt besser machen? «

»Ich glaube, du sprichst zu viel. Du mußt aufhören, mit dir selbst zu sprechen.«

»Was willst du damit sagen?«

»Du sprichst zu viel mit dir selbst. Darin bist du nicht der einzige. Jeder von uns tut das. Wir führen ständig ein inneres Gespräch. Denk mal darüber nach. Was tust du, sobald du allein bist?«

»Ich spreche mit mir selbst.«

»Worüber sprichst du mit dir?«

»Ich weiß nicht; über alles, glaube ich.«

»Ich will dir sagen, worüber wir mit uns selbst sprechen. Wir sprechen über unsere Welt. Tatsächlich halten wir unsere Welt mit unserem inneren Gespräch aufrecht.«

»Wie tun wir das?«

»Wann immer wir aufhören, mit uns zu sprechen, ist die Welt stets so, wie sie sein sollte. Wir erneuern sie, wir stecken sie mit Leben an, wir halten sie aufrecht mit unserem inneren Gespräch. Und nicht nur das, wir wählen auch unsere Wege, indem wir mit uns selbst sprechen. Aber wir wiederholen dieselbe Wahl immer wieder bis zu dem Tag, an dem wir sterben, weil wir immer und immer wieder, bis zu dem Tag, an dem wir sterben, dasselbe innere Gespräch führen.

Ein Krieger ist sich dessen bewußt und bemüht sich, dieses Gespräch einzustellen. Das ist das letzte, was du wissen mußt, wenn du leben willst wie ein Krieger.«

 

 

 

 

 

 

 

Löcher 

 

 

 

Drei oder viermal wiederholte er bedächtig, daß es das wichtigste bei meinem Unternehmen sei, gewisse Löcher zu finden,

Er betonte das Wort <Löcher> und sagte, daß ein Zauberer in ihnen Botschaften und Anweisungen aller Art finden könne.

Ich wollte fragen, was das für Löcher seien; Don Juan schien meine Frage erraten zu haben und sagte, daß es unmöglich sei, sie zu beschreiben, und daß sie zum Bereich des Sehens gehörten. Er wiederholte mehrmals, daß ich meine ganze Aufmerksamkeit darauf konzentrieren sollte, auf Geräusche zu lauschen, und alles tun sollte, um die Löcher zwischen den Geräuschen zu finden. Er sagte, er würde viermal seinen Geisterfänger spielen. Ich sollte diese unheimlichen Rufe als Führer zu dem Verbündeten, der mich willkommen geheißen hatte, benutzen. Dieser Verbündete würde mir dann die Botschaft geben, die ich suchte. Don Juan sagte mir, ich solle sehr wachsam sein, da er keine Ahnung habe, wie der Verbündete mir erscheinen würde.

Ich horchte aufmerksam. Ich saß mit dem Rücken zur Felswand des Hügels. Eine schwache Taubheit befiel meinen Körper. Don Juan warnte mich davor, meine Augen zu schließen. Ich begann zu horchen und konnte das Zwitschern der Vögel, das Rascheln des Windes in den Blättern, das Summen der Insekten unterscheiden. Als ich meine volle Aufmerksamkeit auf diese Geräusche richtete, konnte ich tatsächlich vier verschiedene Formen des Vogelgezwitschers unterscheiden. Ich konnte erkennen, ob der Wind langsam oder schnell wehte. Auch konnte ich das unterschiedliche Rascheln dreier verschiedener Blattarten auseinanderhalten. Das Summen der Insekten war verwirrend. Es war so vielfältig, daß ich die verschiedenen Formen nicht zählen oder richtig unterscheiden konnte.

Wie nie zuvor in meinem Leben tauchte ich in eine fremde Geräuschwelt ein. Ich begann nach rechts umzufallen. Don Juan machte eine Bewegung, um mich aufzufangen, aber ich kam ihm zuvor. Ich streckte mich und saß wieder aufrecht. Don Juan drehte meinen Körper, bis er mich gegen eine Spalte in der Felswand gelehnt hatte. Er wischte die kleinen Steinchen unter meinen Beinen fort und lehnte meinen Hinterkopf gegen
den Felsen. Er befahl mir gebieterisch, auf die Berge im Südosten zu schauen. Ich richtete meinen Blick in die Ferne, aber er verbesserte mich und sagte, ich solle nicht die Hügel und ihre Vegetation anstarren, sondern einfach schauen oder den Blick irgendwie darüber hinweggleiten lassen. Er wiederholte immer wieder, ich solle meine ganze Aufmerksamkeit auf das Horchen konzentrieren. Wieder traten die Geräusche in den Vordergrund. Es war weniger, daß ich sie unbedingt hören wollte, sie zwangen mich eher, mich auf sie zu konzentrieren. Der Wind raschelte in den Blättern. Der Wind strich hoch über den Bäumen hinweg und fiel dann in das Tal, in dem wir waren. In seinem Fall berührte er zunächst die Blätter der hohen Bäume. Sie machten ein eigenartiges Geräusch, das mir wie ein kräftiges, üppiges Schnarren vorkam. Dann traf der Wind auf die Büsche, und ihre Blätter klangen wie ein Durcheinander kleiner Dinge; es war beinah ein melodischer Klang, sehr eindringlich und sehr fordernd; es schien alles andere zu übertönen. Ich empfand es unangenehm. Ich wurde verlegen, weil mir plötzlich der Gedanke kam, ich selbst sei so wie dieses Rascheln der Büsche — nörgelnd und fordernd. Das Geräusch war mir so ähnlich, daß ich es haßte. Dann hörte ich den Wind über den Boden streichen. Es war kein raschelndes Geräusch, eher ein Piepsen oder ein leises Summen. Während ich auf die Geräusch lauschte, die der Wind machte, erkannte ich, daß sie alle drei gleichzeitig erklangen. Ich war erstaunt, wie ich sie voneinander unterscheiden konnte, und dann wurde mir wieder das Zwitschern der Vögel und das Summen der Insekten bewußt. Einmal waren nur die Geräusche des Windes da, und im nächsten Moment tauchte plötzlich ein gigantischer Schwall anderer Geräusche in meinem Wahrnehmungsbereich auf. Logischerweise mußten all die vorhandenen Geräusche ständig ausgesendet werden, auch während der Zeit, in der ich nur den Wind hörte.

Ich konnte all das unterschiedliche Vogelgezwitscher und das Summen der vielen Insekten nicht zählen, aber ich war überzeugt, daß ich jedes einzelne Geräusch so hörte, wie es hervorgebracht wurde. Zusammen bildeten sie eine sehr ungewöhnliche Anordnung. Ich finde kein anderes Wort dafür als »Anordnung«. Es war eine Anordnung von Geräuschen, die ein Muster ergab. Das heißt, jedes Geräusch trat in einer bestimmten Reihenfolge auf.

 

Dann hörte ich ein einmaliges, gedehntes Heulen. Es ließ mich schaudern. Jedes andere Geräusch setzte für einen Augenblick aus, und das Tal wurde totenstill, als sich der Nachhall des Geheuls bis an die äußeren Grenzen des Tals hinzog. Dann setzten die übrigen Geräusche wieder ein. Sofort erkannte ich ihr Muster. Nachdem ich einen Augenblick aufmerksam gehorcht hatte, glaubte ich Don Juans Ermahnung, ich solle auf die Löcher zwischen den Klängen achten, zu verstehen. Das Geräuschmuster wies Zwischenräume zwischen den einzelnen Klängen auf. Zum Beispiel waren bestimmte Vogelpfiffe zeitlich abgestimmt und durch Pausen getrennt, wie auch all die anderen Geräusche, die ich wahrnahm. Das Rascheln der Blätter war wie ein bindender Leim, der sie zu einem homogenen Summen vereinigte. Tatsache war, daß die Zeitfolge jeden Tons eine Einheit im gesamten Geräuschmuster bildete. So waren die Pausen zwischen den Klängen, wenn ich auf sie achtete, Löcher in einer Struktur.

Wieder hörte ich das durchdringende Heulen von Don Juans Geisterfänger. Diesmal erschreckte es mich nicht, aber die Geräusche hörten wieder für einen Augenblick auf, und diese Pause nahm ich als ein sehr großes Loch wahr. Genau in diesem Moment wechselte meine Aufmerksamkeit vom Hören zum Schauen. Ich schaute auf eine niedrige Hügelgruppe mit satter, grüner Vegetation. Die Umrisse der Hügel waren so angeordnet, daß, von meinem Standpunkt aus gesehen, am Hang eines der Hügel ein Loch zu sein schien. Es war ein Zwischenraum zwischen zwei Hügeln, und durch diesen konnte ich die tiefen, dunkelgrauen Schatten der Berge in der Ferne erkennen. Es war, als sei das Loch, das ich sah, zugleich das »Loch« in den Geräuschen. Dann setzten die Klänge wieder ein, aber das visuelle Bild des riesigen Loches blieb. Kurz darauf nahm ich die Klangmuster, ihre Anordnung und das Arrangement ihrer Pausen noch klarer wahr. Mein Verstand konnte eine enorme Anzahl einzelner Klänge erkennen und unterscheiden. So war jede Pause zwischen den Geräuschen eindeutig ein Loch. In einem bestimmten Augenblick kristallisierten sich die Pausen in meinem Kopf und bildeten eine Art festes Netz, eine Struktur. Ich sah sie nicht, noch hörte ich sie. Ich fühlte sie mit einem unbekannten Teil meiner selbst.

 

Don Juan spielte noch einmal auf seiner Saite. Die Klänge erloschen wie zuvor, dadurch entstand ein riesiges Loch in der Klangstruktur. Diesmal aber verband sich die große Pause mit dem Loch in den Hügeln, das ich anschaute. Sie überlagerten sich. Der Wahrnehmungseffekt der zwei Löcher dauerte so lange, daß ich imstande war, ihre Umrisse zu sehen und zu hören, wie sie ineinander paßten. Dann begannen die anderen Geräusche wieder, und die Struktur ihrer Pausen wurde zu einer außerordentlichen, beinah visuellen Wahrnehmung. Ich begann die Geräusche zu sehen, wie sie Muster bildeten, und dann wurden all diese Muster auf die Umgebung überlagert, genauso wie ich die Überlagerung der zwei Löcher beobachtet hatte. Ich schaute oder hörte nicht, wie ich es gewohnt war zu tun. Ich tat etwas, das völlig verschieden war, aber Züge von beidem in sich vereinigte. Aus irgendeinem Grund war meine Aufmerksamkeit auf das große Loch in den Hügeln konzentriert. Ich glaubte, es zu hören und zugleich zu sehen. Es hatte etwas Zaubrisches an sich. Es beherrschte mein Wahrnehmungsvermögen. Jedes einzelne Klangmuster, das mit einer Gestalt der Umgebung zusammenfiel, war mit diesem Loch verbunden.

Wieder hörte ich das unheimliche Heulen von Don Juans Geisterfänger; alle anderen Geräusche erloschen. Die beiden großen Löcher schienen sich aufzuhellen, und als nächstes blickte ich wieder auf das gepflügte Feld. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stellung wenn du in schwierigkeiten bist

 

»Du mußt die richtige Richtung bestimmen, gleich wenn du auf dem Gipfel eines Hügels ankommst«, sagte Don Juan. »Sobald du oben bist, wende dich in diese Richtung.« Er deutete nach Südosten. »Das ist deine gute Richtung, und du solltest dich immer ihr zuwenden, besonders wenn du in Schwierigkeiten bist. Denk daran.«

Wir blieben am Fuß der Hügel stehen, wo ich das Loch wahrgenommen hatte. Er deutete auf eine bestimmte Stelle, an die ich mich setzen mußte. Er setzte sich neben mich und gab mir mit sehr ruhiger Stimme detaillierte Anweisungen. Er sagte, sobald ich den Gipfel des Hügels erreichte, sollte ich meinen rechten Arm nach vorn strecken, die Handfläche nach unten kehren und die Finger wie einen Fächer spreizen, nur der Daumen mußte unter der Handfläche eingeschlagen werden. Dann sollte ich den Kopf nach Norden wenden und meinen Arm über der Brust kreuzen, wobei die Hand ebenfalls nach Norden zeigen sollte. Dann sollte ich tanzen, und zwar indem 
ich den linken Fuß hinter den rechten stellte und mit der linken Fußspitze auf den Boden klopfte. Er sagte, sobald ich eine Hitze in meinem linken Bein fühlte, solle ich anfangen, meinen Arm langsam von Norden nach Süden und dann wieder nach Norden zu schwenken.

»Die Stelle, über der deine Handfläche sich wärmt, während du den Arm schwenkst, ist die Stelle, an der du sitzen mußt, und es ist gleichzeitig die Richtung, in die du schauen mußt«, sagte er. »Wenn die Stelle im Osten liegt, oder wenn sie in dieser Richtung liegt« — er deutete wieder nach Südosten —, »dann wird das Ergebnis ausgezeichnet sein. Wenn die Stelle, an der deine Hand heiß wird, im Norden ist, dann wirst du eine schlimme Niederlage einstecken, aber du kannst das Blatt noch zu deinem Vorteil wenden. Wenn die Stelle im Süden ist, dann steht dir ein schwerer Kampf bevor.

Zuerst wirst du deinen Arm viermal schwenken müssen, aber wenn du dich an die Bewegung einmal gewöhnt hast, wirst du nur eine Schwenkung brauchen, um zu wissen, ob deine Hand warm wird oder nicht.

Sobald du eine Stelle bemerkst, über der deine Hand warm wird, setz dich dort hin. Das ist dein erster Punkt. Wenn du nach Süden oder Norden schaust, mußt du dich entscheiden, ob du dich stark genug fühlst, zu bleiben. Wenn du Zweifel hast, steh auf und geh weg. Es ist unsinnig zu bleiben, wenn du kein Vertrauen hast. Wenn du jedoch beschließt dortzubleiben, dann säubere in zwei Meter Entfernung von deinem ersten Punkt eine Stelle, groß genug um ein Feuer zu machen. Das Feuer muß genau in der Richtung liegen, in die du schaust. Der Platz, wo du die Feuerstelle baust, ist dein zweiter Punkt. Dann sammle alle Zweige, die zu zwischen den beiden Punkten findest, und mach ein Feuer. Du mußt am ersten Punkt sitzen und auf das Feuer schauen. Früher oder später wird der Geist kommen, und du wirst ihn sehen.

Wenn deine Hand nach viermaligem Schwenken überhaupt nicht warm wird, dann schwenkst du deinen Arm langsam von Norden nach Süden, drehst dich um und schwenkst ihn anschließend nach Westen. Wenn deine Hand an irgendeiner Stelle im Westen heiß wird, dann laß alles liegen und lauf bergab bis ins flache Gelände, und ganz gleich, was du hinter 
dir hörst oder spürst, schau dich nicht um. Sobald du in die Ebene kommst, gleichgültig wie schr du dich fürchtest, lauf nicht weiter, laß dich auf den Boden fallen, zieh deine Jacke aus, bündele sie um deinen Nabel, roll dich wie eine Kugel zusammen und drück deine Knie gegen den Bauch. Außerdem mußt du deine Augen mit den Händen bedecken, und deine Arme müssen eng an den Schenkeln anliegen. In dieser Stellung mußt du bis zum Morgen ausharren. Wenn du diese einfachen Schritte befolgst, dann wird dir nichts zustoßen. Falls du die Ebene nicht rechtzeitig erreichst, laß dich zu Boden fallen, wo du gerade bist. Es wird dir dort schrecklich ergehen. Du wirst gequält werden, aber wenn du ruhig bleibst und dich nicht bewegst oder umschaust, dann wirst du es ohne einen einzigen Kratzer überstehen.

Und wenn deine Hand überhaupt nicht warm wird, während du sie nach Westen schwenkst, wende dich wieder nach Osten und lauf in östlicher Richtung, bis du außer Atem bist. Halt dort an und wiederhole dasselbe Manöver. Du mußt immer wieder nach Osten laufen und diese Bewegungen wiederholen, bis deine Hand heiß wird.«

Nachdem er mir diese Anweisungen gegeben hatte, ließ er mich sie wiederholen, bis ich sie mir gemerkt hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Verbündete alleine treffen

 

 

Die dritte Art von Geistern, sagte Don Juan, sei wirklich ein Verbündeter und Spender von Geheimnissen, diese besondere Art halte sich an einsamen, verlassenen und nahezu unzugänglichen Orten auf. Er sagte, wenn ein Mensch eines dieser Wesen finden. wolle, so müsse er eine weite Reise machen und allein gehen. An einem fernen und einsamen Ort muß er die notwendigen Schritte allein unternehmen. Er muß neben seinem Feuer sitzen, und wenn er den Schatten sieht, muß er sich sofort entfernen. Er muß jedoch bleiben, wenn er andere Bedingungen vorfindet, etwa einen starken Wind, der sein Feuer ausbläst und ihn viermal daran hindert, es wieder anzuzünden; oder wenn von einem nahen Baum ein Ast abbricht. Der Ast muß wirklich abbrechen, und er muß sich davon überzeugen, daß es sich nicht nur um das Geräusch eines abbrechenden Astes handelt. Des weiteren muß er achtgeben auf rollende Steine, auf kleine Kiesel, die in sein Feuer geworfen werden, oder auf anhaltende Geräusche; und dann muß er in die Richtung gehen, aus der er eines oder mehrere dieser Phänomene wahmimmt, bis der Geist sich ihm offenbart.

Es gab viele Formen, in denen so ein Wesen einen Krieger auf die Probe stellte. Es konnte plötzlich in grauenhafter Gestalt vor ihm aufspringen, oder es konnte ihn von hinten packen und ihn stundenlang am Boden festhalten. Es konnte auch einen Baum auf ihn stürzen. Don Juan sagte, daß dies wirklich gefährliche Kräfte seien, sie könnten einen Menschen zwar nicht direkt töten, aber indirekt seinen Tod herbeiführen, sei es durch die Angst, oder indem sie tatsächlich Gegenstände auf ihn fallen lassen, oder aber indem sie plötzlich auftauchen und ihn zum Stolpern bringen, so daß er den Halt verliert und in einen Abgrund stürzt.

Er sagte, wenn ich je einem dieser Wesen unter ungünstigen Umständen begegnete, sollte ich nie versuchen, mit ihm zu kämpfen, weil es mich töten würde. Es würde meine Seele rauben. Darum sollte ich mich zu Boden werfen und bis zum Morgen verharren.

»Wenn ein Mann dem Verbündeten, dem Spender von Geheimnissen begegnet, dann muß er all seinen Mut zusammennehmen und ihn packen, bevor er von ihm gepackt wird, oder ihn jagen, bevor er von ihm gejagt wird. Die Jagd muß unerbittlich sein, und dann kommt der Kampf. Der Mann muß den Geist zu Boden ringen und ihn dort festhalten, bis er ihm Macht verleiht.«

Ich fragte, ob diese Kräfte feste Substanz hätten, ob man sie wirklich berühren könne. Ich sagte, daß die bloße Vorstellung eines Geistes für mich etwas Ätherisches bedeute.

»Nenne sie nicht Geister», sagte er, »nenn sie Verbündete; nenn sie unerklärliche Kräfte.« 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sehen hat nicht nur mit den Augen zu tun

 

»Wenn ein Krieger so in die Ecke getrieben wird, dann kehrt er dem Verbündeten einfach den Rücken zu, ohne zweimal nachzudenken. Ein Krieger kann sich nicht gehenlassen, darum kann er nicht vor Angst sterben. Ein Krieger erlaubt dem Verbündeten nur dann zu kommen, wenn er sich gut fühlt und bereit ist. Wenn er stark genug ist, um mit dem Verbündeten zu ringen, dann öffnet er seine Öffnung und stürzt nach vorn, packt den Verbündeten, drückt ihn zu Boden und fixiert ihn mit den Augen, solange es nötig ist. Dann wendet er den Blick ab, gibt den Verbündeten frei und läßt ihn laufen. Ein Krieger, mein kleiner Freund, ist immer Herr der Lage.«

»Was passiert, wenn man einen Verbündeten zu lange anstartt?« fragte ich.

Don Genaro sah mich an und machte eine komische Gebärde, als wolle er jemanden mit einem Blick aus der Fassung bringen.

»Wer weiß?« sagte Don Juan. »Vielleicht wird Genaro dir erzählen, was ihm passiert ist.«

» Vielleicht«, sagte Don Genaro und kicherte.

»Erzählst du’s mir bitte?«

Don Genaro stand auf, reckte die Arme, so daß seine Knochen knackten und riß die Augen mit irrem Blick rund auf. »Genaro geht jetzt und läßt die Wüste erzittern«, sagte er und verschwand im Chaparral.

»Genaro ist bereit, dir zu helfen«, sagte Don Juan in vertraulichem Ton. »Er hat damals, als wir bei ihm waren, dasselbe mit dir gemacht, und du hast beinah gesehen.«

Ich glaube, er spräche über das, was sich am Wasserfall zugetragen hatte, aber er meinte gewisse überirdische donnernde Geräusche, die ich damals bei Don Genaro gehört hatte.

»Übrigens, was war das eigentlich«, fragte ich. »Wir lachten darüber, aber du hast mir nie erklärt, was es war.«

»Du hast mich nie gefragt.«

»Doch, das habe ich.«

 

»Nein. Du hast mich nach allem möglichen gefragt, nur danach nicht.«

Don Juan sah mich vorwurfsvoll an.

»Das war Genaros Kunst«, sagte er. »Nur Genaro kann das. Damals hast du beinah gesehen.«

Ich sagte ihm, daß ich nie auf die Idee gekommen war, das Sehen mit diesen seltsamen Geräuschen in Verbindung zu bringen, die ich damals gehört hatte.

»Und warum nicht?« fragte er knapp.

» Sehen hat für mich etwas mit den Augen zu tun«, sagte ich. Er schaute mich einen Augenblick prüfend an, als stimme mit mir irgendwas nicht.

»Ich habe nie behauptet, daß Sehen nur eine Sache der Augen ist«, sagte er und schüttelte ungläubig den Kopf.

»Wie macht er es?« fragte ich.

»Er hat dir schon gesagt, wie er es macht«, sagte Don Juan scharf.

 

 

 

 

 

 

 

Zeichnung

 

 

 

Er wandte sich mir zu und sah mich an, und ich hob mit einer Geste der Verlegenheit die Schultern. Er rückte näher und wiederholte seine Bewegungen, wobei er acht Punkte auf dem Boden einzeichnete. Er schlug einen Kreis um den ersten Punkt.

»Du bist hier«, sagte er. »Wir alle sind hier; dies ist das Fühlen, und wir bewegen uns von hier nach dort.«

Er machte einen Kreis um den zweiten Punkt, den er direkt über dem ersten eingezeichnet hatte. Dann fuhr er mit dem

Zweig zwischen den beiden Punkten hin und her, wie um einen lebhaften Verkehr anzudeuten.

»Es gibt aber noch sechs weitere Punkte, die ein Mann beherrschen kann«, sagte er. »Die meisten Menschen wissen nichts von ihnen.«

Er hielt den Zweig zwischen die Punkte eins und zwei und stieß ihn in den Boden.

»Was du Verstehen nennst, ist der Schritt zwischen diesen beiden Punkten«, sagte er. »Das tust du schon dein ganzes Leben lang. Wenn du sagst, du würdest mein Wissen verstehen, dann hast du nichts Neues zuwege gebracht.«

Darauf verband er einige der acht Punkte durch Linien mit anderen Punkten; es entstand eine längliche Trapezoid-Figur, die acht Zentren hatte, von denen ungleich viele Strahlen ausgingen.

»Jeder dieser sechs übrigen Punkte ist eine Welt für sich, genau wie Fühlen und Verstehen zwei Welten für dich sind«, sagte er.

»Warum acht Punkte? Warum nicht eine endlose Zahl, wie bei einem Kreis?« fragte ich.

Ich zeichnete einen Kreis auf den Boden. Don Juan lächelte. »Soviel ich weiß, gibt es nur acht Punkte, die ein Mann beherrschen kann. Vielleicht können die Menschen nicht darüber hinausgehen. Und ich sagte beherrschen, nicht verstehen, ist dir das klar?«

Sein Tonfall war so komisch, daß ich lachen mußte. Er imitierte, oder besser, er verspottete meine Art, auf dem exakten Gebrauch der Wörter zu beharren.

»Dein Problem besteht darin, daß du alles verstehen möchtest, und das ist nicht möglich. Wenn du auf dem Verstehen beharrst, dann wirst du deinem vollen Geschick als menschliches Wesen nicht gerecht.





 

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Quelle: Eine andere Wirklichkeit
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