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Neues Vorwort von
Carlos Castaneda

Ich versuche mich in der Kognition zu den Werken von Carlos Castaneda

Neues Vorwort von C.C.

Quelle: Die Lehren des Don Juan (erstes Buch)

Energie direkt wahrzunehmen, ermöglichte den Zauberern von Don Juans Traditionslinie, die Menschen als Konglomerate von Energiefeldern zu sehen, die einer leuchtenden Kugel gleichen. Die Menschen auf solche Weise zu beobachten, befähigte diese Schamanen zu ganz außerordentlichen energetischen Schlußfolgerungen. Es fiel ihnen nämlich auf, daß jede dieser leuchtenden Kugeln individuell mit einer Energie-Masse von unvorstellbaren Dimensionen verbunden ist, die im Universum existiert — eine Masse, die sie das dunkle Meer der Bewußtheit nannten. Sie beobachteten, daß jede einzelne Kugel an einem Punkt, der noch heller leuchtet als die leuchtende Kugel selbst, mit diesem dunklen Meer der Bewußtheit verbunden ist. Die Schamanen bezeichneten diese Verbindungsstelle als Montagepunkt, weil sie feststellten, daß dies die Stelle ist, wo die Zusammensetzung - also Montage - der Wahrnehmung stattfindet. Der gesamte Energiefluß wird an diesem Punkt in Sinnesdaten verwandelt, und diese Daten werden sodann als die uns umgebende Welt interpretiert.

 

Die energetische Tatsache eines aus leuchtenden Fasern bestehenden Universums führte die Schamanen zu dem Schluß, daß jede dieser Fasern, die sich ins Unendliche erstrecken, ein Energiefeld ist. Sie beobachteten, daß leuchtende Fasern, oder vielmehr Encergiefelder solcher Art, im Montagepunkt konvergieren und durch ihn hindurchgehen. Weil aber die Größe des Montagepunktes, wie sie feststellten, dem Umfang eines heutigen Tennisballs entspräche, kann nur eine begrenzte, wenn auch beinah unendliche Zahl von Energiefeldern in diesem Punkt konvergieren und durch ihn hindurchgehen.

Als die Zauberer des alten Mexiko den Montagepunkt sahen, entdeckten sie auch die energetische Tatsache, daß der Gesamteffekt der Energiefelder, die durch den Montagepunkt hindurchgehen, in sensorische Informationen verwandelt wird - Informationen, die sodann als Kognition der alltäglichen Welt interpretiert werden. Die Gleichförmigkeit der Kognition bei allen Menschen erklärten die Schamanen mit der Tatsache, daß der Montagepunkt bei der ganzen menschlichen Gattung an der gleichen Stelle der leuchtenden Energiesphären, die wir sind, lokalisiert ist: in Höhe der Schulterblätter, eine Armeslänge hinter ihnen, zum Rand der leuchtenden Kugel hin.

Die sehende Beobachtung des Montagepunktes führte die Zauberer des alten Mexiko zu der Entdeckung, daß der Montagepunkt unter den Bedingungen normalen Schlafes, extremer Erschöpfung, bei Krankheit oder nach Einnahme psychotroper Pflanzen seine Position verändert. Die Zauberer sahen, daß, wenn sich der Montagepunkt in einer neuen Position befindet, ein anderes Bündel von Energiefeldern durch ihn hindurchgeht, so daß der Montagepunkt gezwungen ist, diese Energiefelder in Sinnesdaten zu verwandeln und zu interpretieren, was im Ergebnis zur Wahrnehmung ganz neuer Welten führt. Die Schamanen behaupteten, daß jede dieser, auf solche Weise entstandenen neuen Welten eine in sich geschlossene Welt ist, verschieden von der Welt unseres Alltagslebens und ihr doch ähnlich in der Tatsache, daß man auch dort leben und sterben kann.

Für Schamanen wie Don Juan Matus war das Beabsichtigen eine wichtige Übung, die dazu diente, eine Bewegung des Montagepunktes vorsätzlich auszulösen, also seine Verschiebung an gewisse, im voraus bestimmte Stellen des ganzen Konglomerats von Energiefeldern, das wir sind; und durch Jahrtausende langes Probieren fanden die Zauberer von Don Juans Linie heraus, daß es innerhalb der leuchtenden Kugel, die wir sind, Schlüsselpositionen gibt, die der Montagepunkt einnehmen kann: er wird dann einem Bombardement neuer Energiefelder ausgesetzt, das eine vollkommen wirkliche neue Welt erzeugen kann. Es sei eine energetische Tatsache, versicherte Don Juan, daß die Möglichkeit, sich in eine dieser Welten oder in sie alle zu begeben, zum gemeinsamen Erbe aller Menschen gehört. Diese Welten stünden auf Abruf bereit, sagte er, ähnlich wie Fragen, die einem manchmal auf der Zunge lägen; um sie zu finden, brauche ein Zauberer, oder jeder Mensch, nichts anderes zu tun, als die Bewegung des Montagepunktes zu beabsichtigen.

Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit der Absicht, das aber in den Rahmen des universellen Beabsichtigens gehöre, war für die Schamanen im alten Mexiko die energetische Tatsache, daß wir vom Universum selbst dauernd mit Forderungen traktiert werden. Es galt ihnen als energetische Tatsache, daß das ganze Universum in höchstem Maß räuberische Züge trägt, nicht aber räuberisch in dem Sinn, wie wir das Wort verstehen, als Raub und Diebstahl oder Schädigung und Ausbeutung anderer zum eigenen Vorteil. Für die Schamanen des alten Mexiko bedeutete der räuberische Charakter des Universums, daß das beabsichtigende Universum dauernd danach trachtet, Bewußtsein einzufordern. Sie sahen, daß das Universum zahllose organische Wesen und ebenso zahllose anorganische Wesen hervorbringt. Indem das Universum diese alle unter Druck setzt, zwingt es sie, ihre Bewußtheit zu steigern, und auf diese Weise versucht das Universum, seiner selbst bewußt zu werden. Daher geht es in der kognitiven Welt der Schamanen letzten Endes immer um das Bewußtsein.

Bewußtsein verstanden Don Juan Matus und die Schamanen seiner Traditionslinie als ein vorsätzliches Bewußtmachen aller Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen, nicht nur jener Wahrnehmungsmöglichkeiten, wie sie von einer bestimmten Kultur diktiert sind, der anscheinend die Rolle zufällt, die Wahrnehmungsfähigkeit ihrer Mitglieder einzuschränken. Eine Freisetzung oder Entfesselung aller Möglichkeiten menschlicher Wahrnehmung würde die Menschen aber, wie Don Juan sagte, keineswegs in ihrem funktionalen und zweckmäßigen Handeln beeinträchtigen. Im Gegenteil, Funktionalität des Handelns könnte sehr wichtig werden, weil ihr ein neuer Wert zukäme. Funktion und Zweckmäßigkeit würden also zur unabdingbaren Notwendigkeit. Von Idealbildern und Pseudo-Zielen befreit, bliebe den Menschen nur funktionale Zweckmäßigkeit als steuernde Kraft ihres Handelns. Dies bezeichnen die Schamanen als Makellosigkeit. Makellos zu handeln bedeutet für sie, stets ihr Bestes zu tun, und noch ein wenig mehr. Die Idee solch einer Funktionalität ergab sich dadurch, daß sie die Energie sahen, die im Universum fließt. Wenn Energie nämlich auf eine gewisse Weise fließt, so fanden sie es nur funktional und zweckmäßig, dem Fluß dieser Energie zu folgen. Funktionalität ist also der gemeinsame Nenner im Umgang der Schamanen mit den energetischen Tatsachen ihrer kognitiven Welt.

Durch die Beschäftigung mit all diesen Aspekten der Kognition der Zauberer gelangten Don Juan und die Schamanen seiner Linie zu merkwürdigen energetischen Schlußfolgerungen, die auf den ersten Blick nur für sie selbst und ihre persönliche Situation zu gelten scheinen, die aber, genauer betrachtet, auch für jeden von uns anwendbar sein könnten. Wie Don Juan sagte, kulminiert das Streben der Schamanen in etwas, das für ihn die höchste energetische Tatsache war — nicht nur für Zauberer, sondern für Jeden Menschen auf Erden. Dies nannte er die endgültige Reise. Die endgültige Reise besteht in der Möglichkeit, daß das individuelle Bewußtsein, falls der einzelne es durch Hinwendung zur Kognition der Schamanen bis an die Grenzen steigern würde, auch noch dann weiterbestehen könnte, wenn der Organismus nicht mehr als kohärente Einheit funktioniert, also über den Tod hinaus. In solcher transzendentalen Bewußtheit sahen die Schamanen des alten Mexiko eine Möglichkeit für das menschliche Bewußtsein, über die Grenzen alles Bekannten hinauszugehen und in die Dimension der im Universum fließenden Energie einzugehen. Alles Streben von Schamanen wie Don Juan zielte darauf, wie sie es selbst definierten, am Ende selbst ein anorganisches Wesen zu werden, also Energie, die ihrer selbst bewußt ist und als kohärente Einheit funktioniert, jedoch ohne einen Organısmus. Diesen Aspekt ihrer Kognition nannten sie die absolute Freiheit, ein Zustand, in dem das Bewußtsein frei von den Zwängen der Sozialisation und der Syntax existiert.

Dies sind die allgemeinen Schlußfolgerungen, die aus meinem Eintauchen in die kognitive Welt der Schamanen des alten Mexiko zu ziehen waren. Viele Jahre nach der Erstveröffentlichung der Lehren des Don Juan ging mir auf, daß es eine umfassende kognitive Revolution war, die Don Juan mir geboten hatte. Mit meinen nachfolgenden Arbeiten habe ich versucht, eine Vorstellung von den Verfahrensweisen zu geben, die diese kognitive Revolution herbeiführen. Angesichts der Tatsache, daß es eine Lebenswelt ist, mit der Don Juan mich bekanntmachte, können die Transformationen in einer solchen Lebenswelt nie ein Ende finden. Schlußfolgerungen können daher nur Gedächtnisstützen oder Hilfsmittel sein, die uns als Sprungbrett zu neuen kognitiven Horizonten dienen.

 

 

 







 

 



 





 

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