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Die Kunst des Pirschens

Die Kunst des Pirschens

Quelle: Die Kunst des Prischens

 

 

 

Das beste Mittel, um das Träumen auszulösen

 

Das beste Mittel, um das Träumen auszulösen, bestünde darin, sich auf die Region genau -an der Spitze des Brustbeins, auf die Magengrube zu konzentriesen. Er sagte, die Aufmerksamkeit, die ein Mann zum Träumen brauche, stamme aus dieser Region, während die Energie, die ein Mann brauche, um sich im Träumen fortzubewegen und etwas zu suchen, aus der Region ein paar Zoll unter dem Nabel stamme. Diese Energie nannte er den Willen oder die Kraft, auszuwählen, zusammenzufügen. Bei einer Frau stamme sowohl die Aufmerksamkeit wie die Energie zum Träumen aus dem Uterus.

»Das Träumen einer Frau muss aus ihrem Uterus kommen, weil das ihre Mitte ist«, sagte la Corda »Wenn ich zu träumen anfangen oder aufhören will, brauche ich nur meine Aufmerksamkeit auf meinen Uterus zu richten. Ich habe gelernt, sein Inneres zu fühlen. Ich sehe einen Moment lang einen rötlichen Schimmer, und dann bin ich weg.«

»Wie lange brauchst du, bis du diesen rötlichen Schimmer siehst?« fragte icht

»Ein paar Sekunden. Im gleichen Moment, wenn meine Auf merksamkeit auf meinen Uterus gerichtet ist, bin ich auch schon im Träumen drin«, erklärte sie weiter. »Ich brauche mich niemals anzustrengen, niemals. Frauen sind nun einmal so. Für eine Frau ist es am schwersten zu lernen, wie man anfängt; ich brauchte ein paar Jahre, um meinen inneren Dialog anzuhalten, indem ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Uterus konzentrierte. Vielleicht ist das der Grund, warum eine Frau immer jemanden braucht, der sie anspornt.

Der Nagual Juan Matus legte mir immer kalte, nasse Flußkiesel auf den Bauch, damit ich diese Region spüren lernte. 

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Die Regel

Don Juan erzählte, dass er, als die Regel von ihm Besitz ergriff ein aggressiver, aufsässiger Mann war, der in der Verbannung lebte — wie tausend andere Yaqui-Indianer aus dem Norden Mexikos es damals taten. Er arbeitete auf den Tabakfeldern Südmexikos. Eines Tages, nach der Arbeit, wurde er im Verlauf einer — beinah tödlich ausgegangenen — Auseinandersetzung mit einem Arbeitskollegen, bei der es um Geld ging, durch einen Schuß in die Brust verletzt. Als er sein Bewußtsein wiedererlangte, beugte ein alter Indianer sich über ihn und stocherte mit seinem Finger in der kleinen Schußwunde. Die Kugel war nicht in die Brusthöhle eingedrungen, sondern steckte im Muskel über den Rippen. Don Juan wurde noch zwei oder dreimal ohnmächtig, vor Schreck, wegen dem Blutverlust und — wie er selbst sagte — aus Angst vor dem Sterben. Der alte Indianer entfernte die Kugel, und da Don Juan sonst nirgends bleiben konnte, nahm er ihn mit in sein Haus und pflegte ihn über einen Monat lang. Der alte Indianer war freundlich, aber streng. Eines Tages, als Don Juan schon recht bei Kräften und beinah wiederhergestellt war, gab der alte Mann ihm einen tüchtigen Schlag auf den Rücken und zwang ihn so in einen Zustand gesteigerter Bewußtheit, und ohne weitere Vorbereitung offenbarte er Don Juan jenen Teil der Regel, die sich auf den Nagual und seine Aufgabe bezieht.

Genau dasselbe machte Don Juan mit mir und mit la Gorda; er ließ uns auf eine andere Ebene der Bewußtheit überwechseln und erläuterte uns die Regel des Nagual, wie folgt.

Die Kraft, die das Schicksal aller lebenden Wesen regiert, heißt der Adler, nicht weil sie ein Adler wäre oder irgend etwas mit einem Adler zu tun hätte, sondern weil sie dem Sehenden, der sie sieht, als ein unermeßlich großer, jettschwarzer Adler erscheint, aufrecht stehend, wie ein Adler steht, und bis in die Unendlichkeit aufragend.

Wenn der Sehende die Schwärze erblickt, die der Adler ist, lassen vier Lichtstrahlen ihn erkennen, wie der Adler beschaffen ist. Der erste Strahl, der wie ein Blitzstrahl ist, hilft dem Sehenden, die Konturen des Körpers des Adlers zu erkennen. Da sind Flecken einer weißen Tönung, die wie Flaum und Krallen eines Adlers aussehen. Ein zweiter Blitzstrahl enthüllt die flatternde, Wind aufwirbelnde Schwärze, die wie die Schwingen eines Adlers aussieht. Mit dem dritten Blitzstrahl erblickt der Sehende ein durchdringendes übermenschliches Auge. Und der vierte und letzte Strahl enthüllt, was der Adler tut.

Der Adler verschlingt die Bewußtheit aller lebenden Geschöpfe, die, einen Moment vorher noch lebendig auf Erden und nun tot, wie ein endloser Schwarm von Leuchtkäfern in den Schnabel des Adlers schweben, um ihrem Besitzer, dem Grund ihres gewesenen Lebens, zu begegnen. Der Adler sortiert diese winzigen Flämmchen, glättet sie flach, wie ein Gerber eine Haut streckt, und verzehrt sie; denn Bewußheit ist die Speise der Adlers.

Der Adler, jene Macht, die das Schicksal aller lebenden Wesen regiert, spiegelt alle diese Lebewesen gleichzeitig und zugleich wider. Es ist daher dem Menschen unmöglich, den Adler anzubeten, ihn um Wohltaten zu bitten, auf seine Gnade zu hoffen. Der menschliche Teil des Adlers ist zu unbedeutend, als daß er die Welt bewegen könnte.

Nur am Tun des Adlers kann der Sehende erkennen, was der Adler will. Obwohl der Adler sich durch die jeweiligen Umstände eines Lebewesens nicht rühren läßt, gewährt er doch jedem dieser Wesen eine Gabe. Sie alle, ein jedes auf seine Art und nach seinem Recht, haben — wenn sie es wollen — die Macht, die Flamme ihrer Bewußtheit zu behalten; die Kraft, sich dem Ruf, der sie zum Sterben und zum Gefressenwerden bestimmt, zu widersetzen. Jedem lebenden Wesen wird — wenn es dies will — die Kraft gewährt, einen Durchlaß zur Freiheit zu suchen und dort hindurchzugehen. Dem Sehenden, der den Durchlaß sieht, und den Geschöpfen, die durch ihn hindurchgehen, ist klar, daß der Adler diese Gabe gewährt hat, um die Bewußtheit weiterbestehen zu lassen.

Zu dem Zweck, die Lebewesen zu diesem Durchlaß hinzuführen, hat der Adler den Nagual geschaffen. Der Nagual ist ein Doppelwesen, dem die Regel offenbart wurde. Der Nagual - sei es in Gestalt eines Menschen, eines Tieres, einer Pflanze oder sonst eines lebenden Dings — fühlt sich kraft seines Doppeltseins gedrängt, diesen verborgenen Durchlaß zu suchen.

Der Nagual tritt paarweise auf, als Mann und als Frau. Ein doppelter Mann und eine doppelte Frau werden erst dann zum Nagual, wenn jedem von ihnen die Regel verkündet wurde und jeder von ihnen sie in vollem Umfang akzeptiert hat.

Lichter und Energiestrahlen

Am meisten faszinierte mich seine Schilderung gewisser Lichter oder Energiestrahlen, die angeblich kreuz und quer die Erde überzogen. Er sagte, dass diese Strahlen nicht in Bewegung seien, wie alles andere im Universum, sondern ein starres Muster bildeten; ein Muster, das Hunderten von Punkten im leuchtenden Körper entspreche. Hermelinda fasste dies so auf, als befänden alle diese Punkte sich in unserem physischen Körper. Juan Tuma erklärte, da der leuchtende Körper sehr gross sei, befänden manche dieser Punkte sich in Wirklichkeit drei Fuss entfernt vom physischen Körper selbst. In gewissem Sinn befänden sie sich ausserhalb von uns und wären es doch nicht. Sie befänden sich am Rande unserer Leuchtkraft und gehörten daher gleichwohl zum ganzen Körper, Der wichtigste dieser Punkte sei etwa einen Fuss von der Magengrube entfernt, im Vierzig-Grad-Winkel rechts von einer imaginären, direkt von der Körpermitte ausgehenden Linie. Juan Tuma erzählte uns, dass dies ein Zentrum sei, wo sich die zweite Aufmerksamkeit sammle, und dass es möglich sei, sie zu manipulieren, indem man die Luft an dieser Stelle sanft mit den Handflächen streichle. Während ich Juan Tumas Erzählungen lauschte, vergass ich meinen Ärger.

 

 

Das dritte Nicht-Tun

...das wir in der Lage wären, dieses dritte Nicht-Tun gleich von Anfang an perfekt auszuführen.

Eines Abends hängte er la Gorda und mich an zwei verschiede. nen Gurtgeschirren auf, die wie Kinderschaukeln aussahen. Er setzte uns hinein und zog uns mit einem Flaschenzug bis zu den obersten festen Ästen eines großen Baumes hinauf. Er verlangte, wir sollten auf die Bewußtheit des Baumes achtgeben, der, wie er sagte, uns Zeichen geben würde, da wir seine Gäste wären. Die Nagual-Frau hieß er unten auf der Erde stehenbleiben, um die ganze Nacht hindurch von Zeit zu Zeit unsere Namen zu rufen.

All die vielen Male, die wir dieses NichtTun ausführten, erlebten wir, wenn wir in dem Baum hingen, eine grandiose Flut physischer Sensationen, etwa wie leichte elektrische Stromimpulse, Bei den ersten drei oder vier Versuchen war es, als protestiere der Baum gegen unser Eindringen; danach waren die Impulse Zeichen von Friede und Ausgeglichenheit. Silvio Manuel sagte uns, daß die Bewußtheit des Baumes ihre Nahrung aus den Tiefen der Erde hole, während die Bewußtheit beweglicher Geschöpfe sie von der Oberfläche bezieht. Bei einem Baum gebe es keinen Sinn für Zank und Streit, während die beweglichen Geschöpfe bis zum Rande davon erfüllt seien.

Er behauptete, daß die Wahrnehmung einen gründlichen Schock erleidet, wenn wir in der Dunkelheit in einen Zustand der Stille versetzt werden. Unser Gehör übernimmt dann die Führung, und nun lassen sich Signale von allen lebenden und existierenden Wesen um uns her vernehmen — nicht nur mit unserem Gehör, sondern mit einer Kombination von Gehörs und Gesichtssinn, und zwar in dieser Reihenfolge. In der Dunkelheit, so sagte er, werden die Augen, besonders wenn man in der Schwebe hängt, zu Gehilfen des Ohres.

 

Träumen in geschlossenen Räumen

Wenn das Träumen in geschlossenen Räumen stattfindet, so sagte Zuleica mir, dann ist es am besten, man tut es in völliger Dunkelheit, während man auf einem schmalen Bett liegt oder aufrecht sitzt oder, besser noch, während man in einem sargähnlichen Kasten sitzt. Das Träumen im Freien, so meinte sie, sollte man im Schutz einer Höhle tun, im Sande eines Wasserloches oder an einen Fels in den Bergen gelehnt; niemals auf dem flachen Boden eines Tales oder an Flüssen, Seen oder am Meer, weil Bodenflächen, wie auch das Wasser, Gegensätze zur zweiten Aufmerksamkeit bilden.

Jede meiner Sitzungen war reich an geheimnisvollen Nebenbedeutungen. So erklärte sie mir, dass der sicherste Weg, um direkt zur zweiten Aufmerksamkeit zu finden, über rituelle Handlungen, monotone Gesänge und komplizierte, repetitive Bewegungen führe.

Bei ihrer Unterweisung ging es nicht um die Grundlagen des Träumens, die uns bereits von Don Juan beigebracht worden waren.

 

 

 

Visualisierung

Er ermahnte mich, allen Widerstand aufzugeben und Zuleica wie selbstverständlich zu vertrauen. Dann befahl er mir, meinen Blick mit aller Konzentration, die ich aufbringen konnte, zu schärfen und mir ‚alle Einzelheiten des Patio, die in meinem Gsesichtsfeld lagen, einzuprägen. Dabei müsse ich mir, so betonte er, die Einzelheiten ebenso wie das Gefühl einprägen, dort zu sitzen. Er wiederholte seine Anweisugen, um sicherzugehen, daß ich ihn verstanden hatte.

 

 

 

Auch wichtig beim Träumen

So sprach sie von hinten auf mich ein und befahl mir mit leiser Stimme, meine Aufmerksamkeit auf ihre Worte zu konzentrieren und alle ablenkenden äußeren Reize auszuschalten. Sie befahl mir, die Augen offen zu halten und meinen Blick auf eine Stelle auf Augenhöhe direkt vor mir zu fixieren, der aus der Dunkelheit in einem leuchtenden, angenehmen Orangerot auftauchen würde,

Zuleica sprach sehr leise, mit gleichmäßiger Betonung. Ich hörte jedes Wort, das sie sagte. Die Dunkelheit um mich her schien jeden ablenkenden äußeren Reiz wirksam zu unterdrücken. Ich hörte Zuleicas Worte wie in einem Vakuum. Und dann erkannte ich, daß die Stille in diesem Saal der Stille in mir selbst entsprach.

Zuleica erklärte, ein Träumer müsse von einem farbigen Punkt ausgehen. Starkes Licht oder unmäßige Dunkelheit seien für den Träumer beim ersten Anlauf nutzlos. Farben wie Purpur oder  Hellgrün oder sattes Gelb dagegen seien erstaunlich gute Ausgangspunkte, Sie selbst aber bevorzuge Orangerot, denn sie habe die Erfahrung gemacht, daß diese Farbe ihr das stärkste Ruhegefühl schenkte, Sie versicherte mir, wenn es mir erst gelungen sei, in «die orangerote Farbe einzutreten, dann würde ich meine zweite Aufmerksamkeit für immer gesammelt haben - vorausgesetzt, daß ich mir die Reihenfolge der körperlichen Empfindungen bewußt machen könne.

 

 

Ein anderer leuchtender Punkt

Vielleicht hatte Zuleica gesehen, was mit mir vorging, denn plötzlich begann sie mir zu erklären, daß die zweite Aufmerksamkeit zu leuchtenden Körpern gehöre, ähnlich wie die erste Aufmerksamkeit zum physischen Leib.Der Punkt, wo, wie, sie sagte, sich die zweite Aufmerksamkeit sammelte, befand sich genau an der Stelle, die Juan Tuma mir bei unserer ersten Begegnung beschrieben hatte, ungefähr eineinhalb Fuß vor der Körpermitte, zwischen Magengrube und Nabel, einen halben Fuss nach rechts.

Zuleica befahl mir, diesen Punkt zu massieren, ihn zu manipulieren, indem ich die Finger meiner beiden Hände an dieser Stelle bewegte, als wolle ich Harfe spielen. Sie versicherte mir, ich würde früher oder später das Gefühl bekommen, als bewegten meine Finger sich durch etwas, das von ähnlicher Konsistenz wie Wasser sei, und schließlich würde ich meine leuchtende Schale fühlen. Zuleica warnte mich, sie würde mir, falls ich meine Finger nicht mehr bewegte, einen Schlag auf den Kopf geben. Je länger ich diese wogende Bewegung ausführte, desto näher fühlte ich das Jucken. Schließlich war es nur noch etwa fünfzehn Zentimeter von meinem Körper entfernt. Es war, als sei irgend etwas in mir zusammengeschrumpft. Ich glaubte sogar eine Vertiefung zu spüren. Dann hatte ich eine andere, unheimliche Empfindung. Ich schlief ein, und doch blieb ich bei Bewußtsein, In meinen Ohren war ein Summen, das mich an den Klang eines Bullenheulers erinnerte; dann spürte ich, wie eine Gewalt mich, ohne mich zu wecken, auf meine linke Seite rollte. Ich wurde fest eingerollt, etwa wie eine Zigarre, und in die juckende Vertiefung gestopft. Dort blieb meine Bewußtheit in der Schwebe, unfähig aufzuwachen, aber so fest um sich selbst aufgerollt, daß ich auch nicht einschlafen konnte.

 

 

 

Ein anderer Aspekt

Von nun an konzentrierte sich Zuleica auf einen anderen Aspekt ihrer Unterweisung. Sie lehrte mich die Fortbewegung. Sie begann ihren Unterricht damit, daß sie mir befahl, meine Bewußtheit in die Mitte meines Körpers zu verlagern. Bei mir ist die Körpermitte unter dem unteren Rand des Nabels, Sie befahl mir, mit dieser Stelle den Boden zu fegen, das heißt, eine schaukelnde Bewegung mit meinem Bauch auszuführen, als ob ein Besen daran befestigt wäre. In zahllosen Sitzungen bemühte ich mich zu tun, was ihre Stimme mich zu tun drängte. Sie erlaubte mir nicht, in den Zustand ruhiger Wachsamkeit einzutreten. Es war ihre Absicht, mich dahin zu bringen, daß ich die Wahrnehmung, als fege ich mit meiner Körpermitte den Boden, hervorrufen konnte, während ich mich im Wachzustand befand. Auf der linken Seite der Bewußtheit zu sein, so sagte sie, sei Vorteilhaft genug, um bei dieser Übung gut abzuschneiden. Eines Tages gelang es mir dann, und zwar ohne für mich einsichtigen Grund, ein vages Gefühl in der Magengegend zu empfinden. Es war nichts Bestimmtes, und als ich meine Aufmerksamkeit darauf richtete, erkannte ich, daß es ein prickelndes Gefühl in meiner Leibeshöhle war, nicht direkt im Magen, sondern etwas höher. Je genauer ich es untersuchte, desto mehr Einzelheiten bemerkte ich. Die Unbestimmtheit dieses Gefühls verwandelte sich bald in eine Gewißheit. Und es gab, was die Nervosität oder das prickelnde Gefühl betraf, einen seltsamen Zusammenhang zwischen meinem Solarplexus und meiner rechten Wade.

 

 

Die Gebote der Regel

Das erste Gebot der Regel besagt, dass alles, was uns umgibt, ein unergründliches Geheimnis ist.

Das zweite Gebot der Regel besagt, daß wir versuchen müssen, diese Geheimnisse zu enträtseln, doch ohne die Hoffnung, daß es uns je gelingen wird.

Das dritte besagt, dass ein Krieger, der sich der ihm unergründlichen Geheimnisse bewußt ist und sich auch seiner Pflicht bewusst ist, wenigstens zu versuchen, diese zu enträtseln, seinen rechtmässigen Platz unter diesen Geheimnissen einnimmt und sich selbst als ein solches betrachtet. Folglich ist das Mysterium für den Krieger ohne Ende, ganz gleich, ob dieses Sein das Sein eines Kiesels, einer Ameise oder des eigenen Selbst ist. Dies ist die Demut eines Kriegers. Man ist allem anderen gleichgestellt.« Es entstand ein langes, eindringliches Schweigen. Florinda lächelte und spielte mit der Spitze ihres langen Zopfes. Sie sagte, es sei diesmal genug für mich.

Als ich zum drittenmal Florinda besuchte, verliess Don Juan mich nicht an der Tür, sondern ging mit mir hinein. Alle Mitglieder seines Trupps waren im Haus versammelt, und sie begrüßten mich, als ob ich von einer weiten Reise zurückgekehrt wäre. Es war ein köstlicher Augenblick; es vereinigte Florinda in meinem Fühlen mit den anderen, denn es war das erste Mal, daß sie in meiner Gegenwart mit ihnen zusammen war.

 

Das entscheidende am Rekapitulieren

"Das Entscheidende am Rekapitulieren, so erklärte Florinda, sei das Atmen. Für sie war der Atem etwas Magisches, denn sie sah darin eine lebenspendende Funktion. Sie sagte, das Erinnern sei ganz leicht, wenn man das Feld der den Körper umgebenden Reize verkleinere. Dies sei auch der Grund für jenen Kasten. Der Atem begünstige dann ein immer tieferes Erinnern. Theoretisch müssen die Pirscher sich an jedes Gefühl erinnern, das sie je in ihrem Leben hatten, und dieser Prozess beginnt mit einem Atemzug. Florinda ermahnte mich aber, dass die Dinge, die sie mich lehrte, nur Vorübungen seien und daß sie mich später, unter anderen Bedingungen, die Feinheiten der Kunst lehren werde.

Florinda sagte, ihr Wohltäter habe ihr aufgetragen, eine Liste der wiederzuerlebenden Ereignisse anzulegen. Er sagte ihr, der Vorgang müsse mit einem ersten Atemzug beginnen. Der Pirscher beginnt dabei mit dem Kinn auf der rechten Schulter und atmet langsam ein, während er den Kopf um 180 Grad auf die andere Seite dreht. Der Atemzug endet über der linken Schulter. Sobald das Einatmen beendet ist, fällt der Kopf in eine entspannte Haltung zurück. Beim Ausatmen blickt er gerade nach vorn. Dann nimmt der Pirscher sich das Ereignis vor, das am Anfang seiner Liste steht, und verweilt dabei, bis alle darin investierten Gefühle nacherlebt sind. Während der Pirscher sich an die Gefühle erinnert, die er einst in das Ereignis, in das er sich erinnert, investierte, atmet er langsam ein und bewegt den Kopf von der rechten Schulter zur linken. Der Zweck dieses Atmens ist die Wiederherstellung der Energie. Florinda behauptete, dass der leuchtende Körper dauernd spinnenwebartige Fäden hervorbringt, die, von jederlei Emotionen angetrieben, aus der leuchten den Masse hinausprojiziert werden. Daher ist jede Situation der menschlichen Interaktion — oder jede Situation, bei der Gefühle beteiligt sind — eine potentielle Schwächung des leuchtenden Körpers. Indem die Pirscher von rechts nach links einatmen, während sie sich an ein Gefühl erinnern, nehmen sie durch die Magie des Atmens die Fäden wieder auf, die sie einst zurückgelassen haben. Der unmittelbar anschließende Atemzug ist ein Ausatmen, das von links nach rechts erfolgt. Mit diesem stoßen die Pirscher die Fäden aus, die andere, an dem erinnerten Ereignis beteiligte leuchtende Körper in ihnen zurückgelassen haben.

Sie sagte, dass dies die obligatorischen Vorübungen seien, die alle Mitglieder ihres Trupps als Einführung in die anspruchsvolleren Übungen der Kunst hatten durchlaufen müssen. Solange der Pirscher nicht diese Vorübungen absolviert, um die Fäden, die er in der Welt hinterließ, zurückzuholen und besonders, um jene auszustoßen, die andere in ihm hinterliessen, gibt es für ihn keine Möglichkeit, die kontrollierte Torheit zu meistern, weil nämlich jene fremden Fäden die Grundlage unserer grenzenlosen Bereitschaft zur Überheblichkeit sind. Um kontrollierte Torheit zu praktizieren, muss man, da es nicht zulässig ist, andere Menschen verspotten, zu strafen oder sich ihnen überlegen zu fühlen, die Fähigkeit haben, über sich selbst zu lachen. Eine der Folgen einer detaillierten Rekapitulation, so sagte Florinda, sei das aufrichtige Lachen, das uns angesichts der langweiligen Wiederholung unserer Selbstwertschätzung ankommt und das den Kern aller menschlichen Interaktion bildet.

Zauberspruch

Ein Zauberspruch für Gelegenheiten, da meine Aufgabe grösser als meine Kraft wäre; es war die Beschwörungsformel, die mir in den Sinn kam, als ich mich zum erstenmal an die Nagual-Frau erinnerte,

Ich bin bereits der Kraft anheimgegeben, die mein Schicksal regiert.

Und ich klammere mich an nichts, daher will ich nichts verteidigen.

Ich habe keine Gedanken, daher will ich sehen.

Ich fürchte nichts, daher will ich mich meiner erinnern. Losgelöst und mit Leichtigkeit,

Will ich an dem Adler vorbeischnellen, um frei zu sein.

Ya me di poder que a mi destino rige.

No me agarro ya de nada, para asi no tener nada que defender. No tengo pensamientos, para asi poder ver.

No temo ya a nada, para asi poder acordarme de mi.

Sereno y desprendido,

me dejarä el äguila pasar a la libertad.


Dann sagte er mir, er wolle mir ein praktisches Manöver der zweiten Aufmerksamkeit offenbaren, und sogleich verwandelte er sich in ein leuchtendes Ei.








 

Das Feuer von innen.jpg
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