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Die Kraft der Stille

Die Kraft der Stille

Quelle: Die Kraft der Stille

 

Das Anklopfen des Geistes

»Wenn du Angst hast oder verstört bist, darfst du dich nicht hinlegen zum Schlafen«, sagte er, ohne mich anzuschen. »Schlafe im Sitzen, auf einem weichen Sessel, wie ich es tu.«

Er hatte mir einmal vorgeschlagen, daß ich, wenn ich meinem Körper eine heilsame Rast gönnen wollte, ein längeres Nickerchen machen sollte, auf dem Bauch liegend, das Gesicht nach links gekehrt und die Füße über das Fußende des Bettes ragend. Damit mir nicht kalt würde, empfahl er mir, ein weiches Kissen über die Schultern zu breiten, in gutem Abstand zum Hals, und dicke Socken zu tragen oder einfach die Schuhe anzulassen.

Als ich zum erstenmal diesen Vorschlag hörte, meinte ich, er mache Spaß, aber später änderte ich meine Meinung. Das Schlafen in dieser Haltung half mir außerordentlich, mich zu entspannen. Als ich eine Bemerkung über die erstaunliche Wirkung machte, empfahl er mir, seine Vorschläge stets aufs Wort zu befolgen, ohne lange zu überlegen, ob ich sie glauben wollte oder nicht.

 

Sexuelle Energie

»Der Nagual Elias hatte hohen Respekt vor der sexuellen Energie«, sagte Don Juan. »Er glaubte, sie sei uns gegeben, damit wir sie beim Träumen nutzen können. Er glaubte, das Träumen sei außer Gebrauch gekommen, weil es das gefährdete seelische Gleichgewicht anfälliger Menschen stören kann.

Ich habe dich Träumen gelehrt, genau wie er es mich lehrte«, fuhr erfort. „Er lehrte mich, dass der Montagepunkt, während wir träumen, sich ganz leicht und natürlich bewegt. Seelisches Gleichgewicht ist nichts anderes als die Fixierung des Montagepunkts an seiner gewohnten Stelle. Wenn Träume nun den Punkt in Bewegung bringen, und das Träumen benutzt wird, um diese natürliche Bewegung zu kontrollieren, und wenn sexuelle Energie für das Träumen benötigt wird, so Kann das Ergebnis manchmal verhängnisvoll sein, wenn sexuelle Energie im Sex statt im Träumen verausgabt wird. Dann bewegen die Träumer ihren Montagepunkt ziellos, und sie verlieren den Verstand.«

»Was erzählst du mir da?« fragte ich, denn ich fand, dass das Thema Träumen sich nicht von selbst aus dem Zusammenhang unseres Gesprächs ergab.

»Du bist ein Träumer«, sagte er. »Wenn du nicht vorsichtig bist mit deiner sexuellen Energie, könntest du dich auch an die ziellosen Bewegungen deines Montagepunkts gewöhnen. Vorhin warst du bestürzt über deine eigene Reaktion. Nun, dein Montagepunkt bewegt sich beinah ziellos, weil deine sexuelle Energie nicht im Gleichgewicht ist.«

Ich machte eine dumme und unpassende Bemerkung über das Geschlechtsleben erwachsener Männer.

»Es ist unsere sexuelle Energie, die das Träumen regiert«, erklärte er. »Der Nagual Elias hat mich gelehrt - und ich habe dich gelehrt -, dass du entweder Liebe machst mit deiner sexuellen Energie oder du träumst damit. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Ich erwähne dies alles nur, weil du große Schwierigkeiten hast, deinen Montagepunkt zu verschieben, um das letzte Thema der Uänterweisung zu begreifen - das Abstrakte.

Mir ist es genauso ergangen«, fuhr Don Juan fort. »Erst nachdem meine sexuelle Energie befreit war von dieser Welt, fügte sich alles zusammen. Das ist die Regel für alle Träumer. Die Pirscher sind das Gegenteil. Mein Wohltäter war, könnte man sagen, ein sexueller Wüstling, sowohl als normaler Mensch wie auch als Nagual.« Don Juan schien im Begriff, die Schandtaten seines Wohltäters Preiszugeben, doch anscheinend besann er sich anders. Er schüttelte den Kopf und meinte, ich sei zu prüde für solche Enthüllungen. Ich beharrte nicht weiter darauf. 

 

 

 

 

Das Bindeglied

 

Beim Durchschnittsmenschen sei das Bindeglied zur Absicht praktisch tot, und die Zauberer müßten mit einem Bindeglied anfangen, das nutzlos sei, weil es nicht spontan reagierte.

Um das Bindeglied wiederzubeleben, betonte er, brauchten Zauberer eine harte, unbändige Entschlossenheit  ein Bewußtseinszustand, den sie als unbeugsame Absicht bezeichnen. Der schwerste Teil der Lehrzeit eines Zauberers sei das Akzeptieren der Tatsache, dass nur der Nagual diese unbeugsame Absicht vermitteln könne.

Ich fragte, was daran so schwierig sein sollte.

»Ein Lehrling muß sich bemühen, sein Bindeglied zum Geist zu läutern und wiederzubeleben«, erklärte er. »Ist das Bindeglied wiederbelebt, dann ist er kein Lehrling mehr. Bis dahin braucht er jedoch eine unbändige Entschlossenheit, die er natürlich nicht hat. Darum läßt er es zu, dass der Nagual ihm diese Entschlossenheit vermittelt und dazu muss er seine Individualität aufgeben. Das ist der schwierige Teil der Sache.«

Er erinnerte mich an eine Tatsache, die er mir schon oft erzählt hatte: nämlich, dass Freiwillige nicht willkommen wären in der Welt der Zauberer, weil sie bereits ein eigenes Ziel hätten, was es ihnen schwer mache, ihre Individualität aufzugeben. Wenn in der Welt der Zauberer Gedanken und Taten von ihnen verlangt würden, die diesem Ziel zuwiderliefen, wären die Freiwilligen nicht bereit, sich zu ändern.

 

 

 

Das Pirschen

 

Das Pirschen sei der Anfang, betonte er; die Krieger lernten das Pirschen, bevor sie auf dem Pfad der Krieger etwas anderes unternehmen dürften. Alsdann lernten sie, etwas zu beabsichtigen; danach erst seien sie in der Lage, willentlich ihren Montagepunkt zu bewegen.

Ich wußte genau, wovon er sprach. Ohne zu wissen wieso, wusste ich, was die Bewegung des Montagepunktes bedeutete. Aber ich fand keine Worte, um mein Wissen zu erklären.

 

 

»Das erste Prinzip des Pirschens ist, dass ein Krieger sich selbst anpirschit«, sagte er. »Er pirscht sich rücksichtslos, listig, geduldig und sanft an.«

Fast hätte ich gelacht, aber er liess mir keine Zeit dazu. Kurz und bündig definierte er das Pirschen als die Kunst, das eigene Verhalten auf neuartige Weise für bestimmte Ziele einzusetzen. Das normale menschliche Verhalten in der Alltagswelt, so sagte er, sei Routine. Und jedes Verhalten, das diese Routine unterbricht, habe einen ungewöhnlichen Effekt auf unser ganzes Dasein. Dieser ungewöhnliche Effekt sei es, was die Zauberer anstrebten, denn er summiere sich mit der Zeit.

 

 

 

Bewusstes Sehen

 

Don Juan hatte erklärt, dass das Universum aus Energiefeldern bestehe, die sich jeder Beschreibung oder Erforschung entziehen. Diese Energiefelder, hatte er gesagt, gleichen den Fasern gewöhnlichen Lichts, nur dass das Licht leblos ist im Vergleich zu den Emanationen des Adlers, die Bewußtheit ausstrahlen. Niemals bis zu dieser Nacht war ich fähig gewesen, sie längere Zeit ungehindert zu sehen, und tatsächlich bestanden sie aus einem Licht, das lebendig war. Don Juan hatte früher behauptet, mein Wissen und meine Beherrschung der Absicht würden nicht ausreichen, um der Wucht dieses Anblicks standzuhalten. Er hatte gesagt, dass die normale Wahrnehmung stattfinde, sobald die Absicht, bestehend aus reinem Licht, einen Teil der leuchtenden Fasern im Innern Unsere, Kokon entzünde, und gleichzeitig einen langen Ausläufer dieser selben Fasern erhelle, der sich ausserhalb unseres Kokons bis ins Unendliche erstrecke, Ausserordentliche Wahrnehmung, also das Sehen, findet statt, wenn durch die Kraft der Absicht ein anderes Bündel von Energiefeldern aktiviert und erhellt wird. Wenn eine kritische Menge von Energiefeldern in dem leuchtenden Kokon erhellt werden, so hatte er gesagt, vermag ein Zauberer die Energiefelder selbst zu sehen. 

Bei anderer Gelegenheit hatte Don Juan mir vom rationalen Denken der frühen Zauberer berichtet. Er erzählte mir, sie hätter, durch ihr Sehen erkannt, daß Bewußtheit eintrete, sobald die Energiefelder im Innern unseres leuchtenden Kokons sich an den gleichen Energiefeldern draußen ausrichteten. Und sie glaubten, diese Ausrichtung als Ursache des Bewußtseins entdeckt zu haben.

Bei genauerer Prüfung aber zeigte sich, dass das, was sie als Ausrichtung der Emanationen des Adlers bezeichnet hatten, nicht gänzlich erklärte, was sie sahen. Sie hatten bemerkt, dass nur ein sehr kleiner Teil der Gesamtmenge leuchtender Fasern im Innern des Kokons aktiviert wurde, während der Rest unverändert blieb. Diese wenigen Fasern aktiviert zu sehen, hatte zu einer falschen Entdeckung geführt. Die Fasern brauchten nicht ausgerichtet zu sein, um entzündet zu werden, weil jene im Innern unseres Kokons dieselben waren wie jene ausserhalb. Was immer sie aktivierte, war also eindeutig eine unabhängige Kraft. Diese glaubten die Zauberer nicht weiterhin als Bewußtheit bezeichnen zu können, wie sie es getan hatten; denn Bewußtheit war ja das Leuchten der entzündeten Energiefelder. Folglich wurde die Kraft, die die Felder erhellte, als Wille bezeichnet.

Als ihr Sehen dann noch komplizierter und tüchtiger wurde, erkannten sie, wie Don Juan sagte, daß der Wille eine Kraft sei, die die Emanationen des Adlers getrennt hielt; sie war nicht nur verantwortlich für unsere Bewußtheit, sondern für alles im Universum. Sie sahen, dass diese Kraft das absolute Bewusstsein hatte und dass sie aus eben denselben Energiefeldern entsprang, die das Universum bildeten. So beschlossen sie, dass Absicht eine passendere Bezeichnung dafür sei als Wille, Auf lange Sicht aber erwies dieser Name sich als nachteilig, denn er vermochte nicht die überwältigende Bedeutung dieser Kraft zu bezeichnen noch die lebendige Verbindung, die sie mit allen Dingen im Universum hat.

Don Juan hatte damals behauptet, dass wir den gewaltigen kollektiven Fehler begingen, unser Leben lang in völliger Unkenntnis dieser Verbindung zu bleiben. Die Alltagsgeschäfte unseres Lebens, unsere unbarmherzig verfolgten Interessen, unsere Sorgen und Hoffnungen, unsere Niederlagen und Ängste träten jeden Tag in den Vordergrund, während wir uns nicht bewusst wären, mit allem anderen verbunden zu sein.

Und Don Juan hatte seine Überzeugung bekräftigt, dass die christliche Vorstellung von einer Vertreibung aus dem Paradies ihn wie eine Allegorie auf den Verlust unseres stillen Wissens anmute, unseres Wissens von der Absicht. Die Zauberei sei also eine Rückkehr zum Anfang, eine Rückkehr ins Paradies.

 

 

 

Gesteigertes Bewusstsein

 

 

Nachdem klar wurde, dass ich es nicht konnte, setzte er seine Erklärung fort. So geheimnisvoll das Überwechseln in den Zustand gesteigerter Bewusstheit auch sein mochte, sagte er, brauche man dazu nichts anderes als die Gegenwart des Geistes. Ich sagte, seine Ausführungen seien an diesem Tag besonders geheimnisvoll; oder aber, ich sei furchtbar schwer von Begriff, denn ich könne seinen Gedanken nicht folgen. Er aber meinte zuversichtlich, meine Verwirrung sei ganz bedeutungslos; bedeutsam sei einzig, dass ich begriff, dass der blosse Kontakt mit dem Geist jegliche Bewegung des Montagepunkts bewirken könne. »Ich sagte dir doch, der Nagual ist der Mittler des Geistes«, fuhr er fort. »Weil er ein Leben damit verbringt, sein Bindeglied zur Absicht makellos zu läutern, und weil er mehr Energie hat als der normale Mensch, kann er den Geist durch sich selbst sprechen lassen. Das erste, was der Zaubererlehrling also erlebt, ist ein Wechsel seiner Bewußtseinsebene - ein Wechsel, der durch die blosse Gegenwart des Nagual herbeigeführt wird. Und du musst begreifen, dass es wirklich keiner besonderen Methoden bedarf, um den Montagepunkt in Bewegung zu bringen. Der Geist berührt den Lehrling, und dessen Montagepunkt bewegt sich. So einfach ist das.« Ich sagte ihm, dass seine Behauptungen für mich beunruhigend wären, denn sie widersprächen allem, was ich nach schmerzhaften Erfahrungen zu akzeptieren gelernt hätte: nämlich, dass der Zustand gesteigerter Bewußtheit möglich sei als ein kompliziertes, gleich unerklärliches Manöver, das Don Juan durchführte, um meine Wahrnehmung zu manipulieren. In all den Jahren unserer Verbindung habe er mich immer wieder durch einen Schlag auf den Rücken in ein gesteigertes Bewußtsein versetzt. Auf diesen Widerspruch wies ich ihn jetzt hin.

Der Schlag auf den Rücken, erwiderte er, sei eher ein Trick, um meine Aufmerksamkeit zu fesseln, und nicht beabsichtigt als Manöver, um meine Wahrnehmung zu manipulieren. Und zwar ein simpler Trick, wie er fand, in Übereinstimmung mit seinem massvollen Charakter. Er meinte allen Ernstes, ich hätte Glück gehabt, daß er ein so schlichter Mensch sei, und nicht zu bizarrem Verhalten veranlagt. Andernfalls hätte ich, statt simpler Tricks, groteske Rituale über mich ergehen lassen müssen, bevor es ihm möglich gewesen wäre, alle Zweifel aus meinem Denken zu verbannen, damit der Geist meinen Montagepunkt bewegen konnte.

»Damit die Magie von uns Besitz ergreifen kann, brauchen wir nichts anderes zu tun, als die Zweifel aus unserem Denken zu verbannen«, sagte er. »Sobald die Zweifel beseitigt sind, ist alles möglich.«

 

Rekapitilation

»Sich besinnen ist nicht dasselbe wie erinnern«, fuhr er fort. »Das Erinnern ist bestimmt durch die alltägliche Art des Denkens, während das Sich-Besinnen durch die Bewegung des Montagepunktes bestimmt ist. Die Rekapitulation des eigenen Lebens, wie die Zauberer sie vornehmen, ist der Schlüssel zur Bewegung des Montagepunktes. Die Zauberer beginnen ihre Rekapitulation, indem sie nachdenken, indem sie sich an die wichtigsten Taten ihres Lebens erinnern. Vom bloßen Nachdenken über diese Taten schreiten sie fort zum tatsächlichen Dort-Sein am Schauplatz des Ereignisses. Sobald ihnen dies gelingt - nämlich am Schauplatz des Ereignisses zu sein —, haben sie mit Erfolg ihren Montagepunkt genau an die Stelle verschoben, wo er sich befand, als jenes Ereignis stattfand. Das Zurückrufen des gesamten Ereignisses mittels einer Verschiebung des Montagepunktes nennt man die Rückbesinnung der Zauberer.«

Er starrte mich an, als wollte er sich überzeugen, dass ich ihm zuhörte.

»Unser Montagepunkt verschiebt sich dauernd«, erklärte er. »Es sind unmerkliche Verschiebungen. Die Zauberer glauben, dass wir, um unseren Montagepunkt an bestimmte Stellen verschieben zu können, die Absicht zu Hilfe nehmen müssen. Weil man unmöglich erkennen kann, was die Absicht ist, lassen die Zauberer diese durch ihre Augen herbeiwinken.«

Jedesmal, wenn ich mit Don Juan zusammen war, besonders in Augenblicken der Ruhe und Stille, empfand ich ein überwältigendes Gefühl der Verzweiflung — die Sehnsucht nach etwas, das ich nicht näher beschreiben konnte. Wenn ich allein war oder mit anderen Leuten zusammen, fiel ich niemals diesem Gefühl zum Opfer. Don Juan hatte mir erklärt, dass das, was ich empfand und als Sehnsucht deutete, in Wirklichkeit eine plötzliche Bewegung meines Montagepunktes war.

Als Don Juan zu sprechen anfing, schockierte mich der Klang seiner Stimme ganz plötzlich, und ich richtete mich auf.

»Du mußt dich darauf besinnen, wie deine Augen zum erstenmal leuchteten«, sagte er. »Denn dies war das erste Mal, dass dein Montagepunkt den Platz ohne Erbarmen erreichte. Die Rücksichtslosigkeit ergriff Besitz von dir. Die Skrupellosigkeit lässt die Augen der Zauberer leuchten, und dieses Leuchten winkt die Absicht herbei. Jede Stelle, an die der Montagepunkt sich bewegt, wird durch ein bestimmtes Leuchten ihrer Augen angedeutet. Weil ihre Augen eine eigene Erinnerung haben, können sie sich jede Stelle ins Gedächtnis rufen, indem sie das besondere, mit dieser Stelle verbundene Leuchten hervorrufen.«

Die Zauberer, erklärte er, legen dem Leuchten ihrer Augen und ihrem Blick deshalb soviel Bedeutung bei, weil die Augen direkt mit der Absicht verbunden sind. Es mag widersprüchlich klingen, doch die Wahrheit ist, dass die Augen nur oberflächlich mit der Alltagswelt verbunden sind. Im tieferen Sinne sind sie mit dem Abstrakten verbunden. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie meine Augen solche Informationen speichern sollten, und dies sagte ich ihm. Don Juan antwortete, die Möglichkeiten des Menschen seien so vielfältig und geheimnisvoll, dass die Zauberer beschlossen hätten, sie zu erforschen - ohne Hoffnung, sie jemals zu verstehen. Ich fragte ihn, ob auch die Augen eines Durchschnittsmenschen durch die Absicht beeinflusst sind. 

»Natürlich!« rief er. »Das weisst du ganz gut. Aber du weisst es auf einer so tiefen Ebene, dass es ein stilles Wissen ist. Du hast nicht genug Energie, um es zu erklären - nicht einmal dir selbst.

Auch der Durchschnittsmensch weiss um diese Eigenschaft seiner Augen, aber er hat noch weniger Energie als du. Der einzige Vorteil, den Zauberer vielleicht vor Durchschnittsmenschen haben, ist, dass sie ihre Energie gespeichert haben - und das bedeutet, sie haben ein präziseres, klareres Bindeglied zur Absicht. Natürlich bedeutet es auch, dass sie sich willentlich rückbesinnen können, indem sie das Leuchten ihrer Augen benutzen, um ihren Montage. punkt zu bewegen.«

 

 

 

 

Montagepunkt

 

 

Er sagte nämlich, dass jeder lernen könne, seinen Montagepunkt zu bewegen, wenn er nur eine einfache Kette von Handlungen einhalte.

Ich machte ihn auf seinen Widerspruch aufmerksam. Eine Handlungskette, sagte ich, bedeute für mich Unterweisung und Lehrmethode.

»In der Welt der Zauberer gibt es nur begriffliche Widersprüche«, antwortete er. »Die Praxis kennt keine Widersprüche. Die Handlungskette entsteht dadurch, dass wir uns unserer Handlungen bewusst werden. Um sie uns bewusst zu machen, brauchen wir einen Nagual. Aus diesem Grund habe ich dir gesagt, dass der Nagual eine minimale Chance bereitstellen soll. Diese minimale Chance ist aber keine Unterweisung in dem Sinn, wie man Unterweisung braucht, um den Umgang mit einer Maschine zu lernen. Die minimale Chance besteht darin, dass wir uns den Geist bewusst machen.«

Und zwar müssten wir uns bewusst machen, sagte Don Juan, dass nur die Selbstüberschätzung unseren Montagepunkt an seinem Platz fixiere. Wenn wir unsere Selbstüberschätzung einschränkten, dann sparten wir die dafür erforderliche Energie. Und diese Energie könne uns als Sprungbrett dienen, um den Montagepunkt sofort und ohne Vorbereitung auf eine unvorstellbare Reise zu schicken.

Sobald der Montagepunkt sich bewegt habe, sagte Don Juan, bewirke diese Bewegung als solche bereits eine Abkehr von unserer Selbstbetrachtung, und dies wiederum gewähre uns eine klare Verbindung zum Geist. Immerhin sei der Mensch erst durch Selbstbetrachtung vom Geiste getrennt worden.

»Die Zauberei«, wiederholte Don Juan, »ist eine Reise ohne Wiederkehr. Wir steigen hinab in die Hölle und kehren siegreich zum Geist zurück. Wir bringen Trophäen mit aus der Hölle. Eine dieser Trophäen ist das Verstehen.«

Ich wandte ein, dass die Handlungskette, von der er gesprochen hatte, mir ganz unkompliziert erschienen sei, solange er sie mir erklärte. Bei meinem Versuch, sie in die Praxis umzusetzen, hätte ich sie aber mitnichten so leicht und unkompliziert gefunden. »Die Handlungskette selbst ist einfach«, beharrte er. »Unser Problem ist, daß wir nicht akzeptieren wollen, wie leicht sie zu verwirklichen ist. Wir sind darauf gedrillt, an Lehrer, Führer und Meister zu glauben. Wenn jemand kommt und uns sagt, dass wir nichts dergleichen brauchen, dann wollen wir ihm nicht glauben. Wir werden nervös und misstrauisch, wir sind wütend und enttäuscht. Falls wir überhaupt Hilfe brauchen, so nicht in Form von Lehrmethoden, sondern in Form von Ermutigung. Wenn jemand uns bewusst macht, dass wir unsere Selbstüberschätzung aufgeben müssen, so ist dies eine echte Hilfe.

Die Zauberer sind davon überzeugt«, fuhr Don Juan fort, »dass wir niemanden brauchen, der uns erzählt, dass die Welt viel komplizierter ist als unsere wildesten Phantasien.

 

 

 

Beabsichtigen mit den Augen

 

Ich fragte ihn, wie ich mir dieses Beabsichtigen mit den Augen vorstellen sollte? Ich glaubte es irgendwie zu verstehen, und trotzdem konnte ich mein Wissen nicht in Worte fassen - nicht einmal für mich selbst.

»Man kann es nicht mit Worten ausdrücken«, sagte er. »Allenfalls könnte man sagen, dass die Absicht mit den Augen beabsichtigt wird. Ich weiss, dass es sich so verhält. Und doch kann ich mein Wissen nicht formulieren — ebensowenig wie du. Die Zauberer akzeptieren diese Schwierigkeit, denn sie wissen, der Mensch ist unendlich viel komplizierter und geheimnisvoller als unsere mächtigsten Phantasien.«

Ich klagte, seine Erklärung habe mich nicht überzeugt.

»Die Augen bewirken es, mehr kann ich nicht sagen«, erwiderte er ungehalten. »Ich weisd nicht, wie sie es machen, aber sie machen es. Sie winken die Absicht herbei - durch etwas Undefinierbares, etwas in ihrem Leuchten. Die Zauberer wissen, dass wir die Absicht mit den Augen erleben, und nicht mit dem Verstand.« 

 

 

 

 

Lichter - Mouches Volantes ?

 

Ich erzählte Don Juan, damals hätte ich Lichter vor meinen Augen tanzen sehen und geglaubt, dies sei ein Zeichen dafür, daß ich nahe daran war, vor Wut in Ohnmacht zu fallen.

»Du warst nicht nah daran, in Ohnmacht zu fallen«, sagte Don Juan. »Du warst nah daran, in einen Traumzustand zu geraten und aus eigener Kraft den Geist zu sehen — genau wie Talia und mein Wohltäter.« 

 

 

 

 

Montagepunkt

 

Auch Momente der Angst, der Wut oder der Trauer könnten unseren Montagepunkt auf diese Weise in Bewegung bringen, sagte er. Meist aber scheuten wir vor solch einer Chance zurück. Dann würde unsere religiöse, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Erziehung sich durchsetzen und dafür sorgen, daß wir brav zur großen Herde zurückkehrten. Und unser Montagepunkt kehre zurück zur vorgeschriebenen Position des normalen Lebens.

Genau dies, erklärte Don Juan, hätten alle Mystiker und spirituellen Lehrer getan. Ihr Montagepunkt habe sich - durch Zufall oder eigene Disziplin - an einen bestimmten Ort bewegt. Dann seien sie zur Normalität zurückgekehrt - mit einer Erinnerung, die ausreichte, um sie ein ganzes Leben lang zu beschäftigen.

»Du kannst dich entscheiden«, sagte Don Juan. »Du kannst ein braver Junge sein und diese erste Bewegung deines Montagepunkts vergessen. Oder du kannst ihn weiterbewegen - über alle Grenzen der Vernunft hinaus.

 

Weil der rationale Mensch so beharrlich an seinem Selbstbild festhalte, bleibe er im Grunde unwissend, fuhr Don Juan fort. Der rationale Mensch könne sich zum Beispiel nicht vorstellen, daß Zauberei gar nichts mit Beschwörungsformeln und Hokuspokus zu tun habe; daß sie die Freiheit sei, nicht nur unsere vertraute Welt wahrzunehmen, sondern alles, was uns Menschen zugänglich sei.

»Hier aber wird die Dummheit des Durchschnittsmenschen gefährlich. Er fürchtet die Zauberei. Er zittert vor der Freiheit. Und dabei liegt die Freiheit greifbar vor ihm. Wir nennen sie den dritten Punkt. Und diesen dritten Punkt zu erreichen, ist nicht schwerer, als den Montagepunkt in Bewegung zu bringen.«

»Aber vorhin sagtest du, es sei eine wirkliche Leistung, den Montagepunkt zu bewegen«, wandte ich ein.

»Das ist es wohl«, beschwichtigte er mich. »Dies ist wieder malein Widerspruch der Zauberer. Den Montagepunkt zu bewegen - das ist sehr schwierig, und doch ganz leicht. Hohes Fieber kann genügen, wie ich dir sagte. Auch Hunger oder Angst, Liebe oder Haß können den Montagepunkt bewegen. Auch die Mystik, und auch die unbeugsame Absicht. Diese letztere ist die Methode der Zauberer.«

Ich bat ihn, mir noch einmal zu erklären, was unbeugsame Absicht sei.

Es sei eine Entschlossenheit, sagte er, wie manche Leute sie zeigten. Eine Zielstrebigkeit, ungehemmt durch widersprüchliche Wünsche und Interessen. Unbeugsame Absicht sei aber auch die überschüssige Kraft, die Frei werde, sobald der Montagepunkt in einer anderen als seiner üblichen Position fixiert bleibe.

 

 

 

Die Vier Elemente des Pirschens

 

 

»Die Erfahrungen der Zauberei sind so befremdlich«, fuhr Don Juan fort, »dass die Zauberer sie als intellektuelle Übung - benutzen, um sich damit selbst anzupirschen. Aber ihre Trumpfkarte als Pirscher ist, sich stets bewußt zu bleiben, daß wir wahrnehmende Wesen sind und daß die Wahrnehmung mehr Möglichkeiten enthält, als unser Verstand sich vorstellen kann.«

Ich äusserte nur mein Erschrecken vor den befremdlichen Möglichkeiten des menschlichen Bewußtseins.

»Um sich vor etwas so Ungeheuerlichem zu schützen«, sagte Don Juan, »lernen die Zauberer, eine vollkommen ausgewogene Mischung von Rücksichtslosigkeit, List, Geduld und Sanftheit einzuhalten. Diese vier Elemente gehören untrennbar zusammen. Die Zauberer kultivieren sie, indem sie sie beabsichtigen. Diese Elemente sind natürlich Positionen des Montagepunkts.«

Jede Tat eines Zauberers, so sagte er, sei per definitionem durch diese vier Grundprinzipien bestimmt. Alles Tun eines jeden Zauberers ist also wohlüberlegt, im gedanklichen Vorsatz wie in der Ausführung. Und es zeigt jene besondere Mischung der vier Elemente des Pirschens.

 

 

 

 

Die Absicht Anrufen

Dann erkundigte sich Don Juan bei Tuliuno, auf welche Weise sie denn die Absicht angerufen hätten — und Tuliuno erklärte, daß Pirscher die Absicht stets laut anrufen. In der Regel rufe man die Absicht in einem isolierten, kleinen und dunklen Raum an. Man stelle eine Kerze auf einen schwarzen Tisch, die Flamme nur ein paar Zentimeter von den Augen entfernt. Man spreche langsam das Wort Absicht aus, deutlich und wohlüberlegt, und so oft man es für nötig halte. Die Stimme könne sich heben oder senken, ganz ohne eigene Überlegung.

Und Tuliüno betonte, daß man sich beim Anrufen der Absicht auf das konzentrieren muß, was man beabsichtigt. In diesem Fall hätten dıe Männer sich auf ihre Gleichheit und auf Tulios Erscheinung konzentriert. Nachdem die Absicht sie vereinigt hatte, hätten sie immer noch Jahre gebraucht, bis sie die Gewißheit hatten, daß ihre Gleichheit und Tulios Erscheinung für den Betrachter Wirklichkeit waren.

Ich fragte Don Juan, was er von einer derartigen Anrufung der Absicht hielte. Und er sagte, daß sein Wohltäter und auch der Nagual Elias eine starke Vorliebe für Rituale gehabt hätten.

 

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